Ungewollte Erotik im Bett Beischlaf im Tiefschlaf

Wenn Menschen während ihrer Nachtruhe unbewusst sexuell aktiv werden, ruft das bei den Betroffenen oft Scham und Schuldgefühle hervor. Forscher wollen die Störungen nun genauer analysieren.

Von Christine Amrhein

Ein 38-jähriger Mann weckt seit Jahren zwischen drei und fünf Uhr morgens seine Frau auf, zieht sie aus und schläft mit ihr. Dabei sind seine Augen glasig, er befindet sich in tiefem Schlaf.

Sexuelles Verhalten im Tiefschlaf ist immer noch ein Tabuthema.

(Foto: Foto: ddp)

Eine 26-jährige Frau reißt sich in der Nacht die Kleider vom Leib, masturbiert und stöhnt dabei - wenn ihr Mann sie aufweckt, kann sie sich an nichts erinnern.

Schilderungen, die nach drittklassiger Erotikliteratur klingen. Und doch handelt es sich um Fälle, die in wissenschaftlichen Publikationen beschrieben wurden. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe sexueller Verhaltensweisen, die im Schlaf auftreten oder mit einer Schlafstörung einhergehen.

Doch sie sind so selten, dass sie weitgehend unbekannt sind. Selbst die Betroffenen wissen oft nicht, was hinter ihrem zum Teil bizarren Verhalten steckt. Schlafforscher der Universitäten in Stanford und Minneapolis (USA) haben nun erstmals versucht, eine Klassifikation dieser auch als "Sexsomnien" bezeichneten Störungen zu erstellen (Sleep, Bd. 30, S. 683, Juni 2007).

Die oben beschriebenen Fälle gehören demnach zur Kategorie "Parasomnien mit sexuellen Auffälligkeiten". Bei den Parasomnien, unter die auch das Schlafwandeln fällt, zeigen die Betroffenen im Tiefschlaf aktive Handlungen, an die sie sich beim Aufwachen meist nicht erinnern können.

Ähnlich wie bei einer weiteren Kategorie, den sexuellen epileptischen Anfällen im Schlaf, können solche Episoden mit Stöhnen, Masturbation und mit Geschlechtsverkehr einhergehen. Auch schmerzhafte Erektionen, die beim Aufwachen sofort verschwinden, werden zu den Parasomnien gezählt.

Lebhafte Träume

Die nächtlichen Vorfälle sind oft sehr unangenehm für den Betroffenen: Sie gehen mit Scham, Verunsicherung und Schuldgefühlen einher, der Partner kann sich belästigt, verängstigt oder zurückgewiesen fühlen.

In einigen Fällen haben sexuelle Parasomnien sogar zu Gerichtsprozessen geführt - wie bei einem 18-Jährigen, der im Tiefschlaf ein neben ihm liegendes Mädchen sexuell belästigte. Umgekehrt kann sich auch der Betroffene selbst durch die sexuellen Erlebnisse bedroht fühlen.

So haben Patienten mit Narkolepsie, einer seltenen, erblichen Schlafstörung, beim Einschlafen lebhafte visuelle Trugwahrnehmungen. Dabei kann eine - häufig unangenehme - sexuelle Komponente im Spiel sein, wie bei einer 35-jährigen Frau, die eine geträumte Vergewaltigungsszene so real erlebte, dass sie sich an eine Beratungsstelle für Missbrauchsopfer wandte.

Aber auch Schlafstörungen, die mit abnormem sexuellen Verhalten im Wachzustand einhergehen, lassen sich unter "Sexsomnien" einordnen.

Hierzu gehört das Kleine-Levin-Syndrom, eine seltene Krankheit, bei der die Betroffenen phasenweise 16 bis 24 Stunden am Tag schlafen, während der Wachphasen übermäßig essen und sich oft sexuell enthemmt verhalten. Dazu zählen auch Fälle von ausgeprägter Schlaflosigkeit, die mit einer ständigen, unangenehmen sexuellen Erregung im Wachen einhergehen.

"Obwohl oder gerade weil diese Phänomene so selten sind, finde ich solche Klassifikationsversuche sinnvoll", sagt Jürgen Zulley, Schlafforscher an der Universität Regensburg. "Das kann dazu beitragen, ein solches Tabuthema bekannter zu machen."

Wenn die Betroffenen wissen, um was es sich bei ihren nächtlichen Erlebnissen handelt, suchen sie wohl eher professionelle Hilfe, etwa in einem Schlaflabor.

Der Behandlungserfolg ist zwar von Fall zu Fall unterschiedlich - oft helfen aber Medikamente, die zur Therapie der Grunderkrankung eingesetzt werden. Wenige Betroffene werden diese Möglichkeit von vorneherein ausschließen, denn nur in Einzelfällen berichten Betroffene und ihre Partner, die nächtlichen Ereignisse als "sehr angenehm" zu erleben