Streicheleinheiten im Altersheim:Die Kunst der Berührung

sueddeutsche.de: Ihnen als Pfleger hilft die Berührungstherapie also auch?

Ansgar Schürenberg

Ansgar Schürenberg berührt alte Menschen - und bietet ihnen damit oft die letzte Chance, menschliche Nähe zu erfahren.

(Foto: Foto: Privat)

Schürenberg: Die Streicheleinheiten und Massagen helfen mir, mich voll auf den Patienten zu konzentrieren. Indem ich mich auf die Berührung einlasse, spüre ich etwas von dem Menschen, und auch er merkt, dass ich bei ihm bin. Wenn man das richtig macht, kann man auch die Handschuhe anlassen.

sueddeutsche.de: Warum wird Basale Stimulation dann trotzdem so selten praktiziert?

Schürenberg: Geschult sind viele Pfleger. Das Konzept steht inzwischen in jedem Lehrbuch. Aber die Umsetzung ist schwierig. Viele denken, bevor sie dem Patienten eine kurze schöne Berührung schenken und er sich in dem Moment daran gewöhnt, sie ihm diese Freude dann aber wieder nehmen, treffe ihn die Grausamkeit danach umso härter. Deshalb verzichten sie lieber ganz darauf.

sueddeutsche.de: Das ist aber ein fadenscheiniger Grund.

Schürenberg: Natürlich. Keiner von uns würde auf den Urlaub verzichten, nur weil er weiß, dass nach dem Urlaub alles wieder von vorne losgeht. Schließlich kann jeder Kurzurlaub zur Erholung beitragen und helfen, für längere Zeit mit weniger schönen Situationen klarzukommen. So ist es auch mit kurzen, intensiven Berührungen.

sueddeutsche.de: Wovor haben die Pfleger Angst?

Schürenberg: Vor allem junge Altenpfleger können nicht gut mit Berührungen umgehen. Dazu kommt auch die Vorstellung: Je mehr ich mich auf den anderen einlasse, desto trauriger wird der Abschied, wenn ein Patient stirbt. Dabei ist es oft viel schlimmer, wenn man dem Sterbenden diese Beziehung verweigert hat. Bei alten Menschen kommt es in den seltensten Fällen vor, dass sie nicht sterben möchten. Das müsste den Pflegern den Abschied eigentlich leichter machen.

sueddeutsche.de: Vielleicht müssen sie sich schon in ein paar Jahren gar nicht mehr mit solchen Fragen beschäftigen, wenn tatsächlich Roboter zur Pflege eingesetzt werden.

Schürenberg: In Japan wurden ja bereits einige dieser Pflegeroboter getestet. Da das Land ohnehin sehr technikfanatisch ist, mag das für einige Menschen in bestimmten Bereichen wie Haushalt oder Bad sogar ganz hilfreich sein. Doch für wahrnehmungsgestörte und demenzkranke Menschen, für die menschlicher Kontakt plötzlich mehr denn je eine Rolle spielt, ist es eine Katastrophe, wenn sie keine menschliche Berührung mehr erfahren. Sobald es um Körperpflege und Berührung geht, sind Roboter grausam.

sueddeutsche.de: Es gibt auch Streicheltherapien mit Tieren. Ist das nicht nur ein weiterer billiger Ersatz für den Menschen?

Schürenberg: Da gibt es Unterschiede. Wenn die Heimleiterin ihren Hund mitbringt und der einmal durch alle Zimmer läuft, gefällt das vielleicht einigen Bewohnern, effektiv ist es aber nicht. Bei der Therapie mit Tieren sind die Hunde speziell ausgebildet. Sie signalisieren dem Patienten, dass sie für sie da sind. Sie haben ein sehr gutes Gespür dafür, ob derjenige, bei dem sie sich auf den Schoß legen, jemanden braucht oder mit ihm spielen möchte. Geschulte Hunde halten Berührungen aus - auch an Stellen, an denen sie normalerweise instinktiv zubeißen würden. Wenn die Tiere gut trainiert sind, kann das eine sehr positive Art der Berührung für den Menschen sein.

sueddeutsche.de: Also haben Tiere dem Menschen in Sachen Geduld und Nähe sogar etwas voraus?

Schürenberg: In gewisser Weise schon. Wir müssen lernen, anwesend zu sein. Die älteren Menschen müssen wir sehr ernst nehmen und besonders aufmerksam sein für ihre Bedürfnisse. Manchmal sind gar keine großen Aktionen nötig. Es kann schon ausreichen, einen Moment lang die Hand eines Menschen zu halten.

Das Buch "Lebensbegleitung alter Menschen. Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen." von Ansgar Schürenberg und Thomas Buchholz erschien im Verlag Hans Huber.

© sueddeutsche.de/mmk
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