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Stilvoll Trinken:Wasser ist der neue Wein

Es wird mit Aromen versetzt, gefärbt und in Designerflaschen abgefüllt: Wasser hat sich vom Durstlöscher zum Modeaccessoire gemausert.

Mein Staat, mein Schloss, meine Perle - so etwa könnte sich Ludwig XIV. anno 1700 geäußert haben, hätte jemand seine Majestät nach ihren größten Trümpfen gefragt: Aus Frankreich hatte Ludwig die führende Macht Europas gemacht, Versailles war dessen kulturelles wie politisches Herz, und Châteldon - welch Perle! Ein Mineralwasser gleich einer Dame, feingliedriges Prickeln, dezent im Abgang. Dabei war Wasser damals alles andere als en vogue: Bei Hofe wurde gepudert, nicht gewaschen - der Hygiene wegen, mais oui! Doch Châteldon glich einem Wunder: Es heilte seiner Hoheit Darm, beruhigte seine Nerven, beflügelte die Stimmung. Seit 1650 ließ es der Sonnenkönig daher aus der 450 Kilometer entfernten Auvergne an den Hof karren - das erste in Flaschen abgefüllte Wasser der Welt, wie auch das erste, das eine große Karriere machen sollte.

trinkwasser

Glasklar und stylish: Immer mehr Mineralwasser kommen in Designerflaschen daher.

(Foto: Foto: oh)

Châteldon 1650 überdauerte Ludwig, die Französische Revolution, Napoleon und die Weltkriege. Heute erinnert auf dem Etikett nur mehr eine Sonne an den Verehrer aus vergangener Zeit, ohne den Châteldon wohl nie so berühmt geworden wäre. Arno Steguweit erzählt den Gästen im Berliner Gourmetrestaurant Fischers Fritz gern, was es mit dieser Sonne auf sich hat. Der Restaurant-Manager ist Sommelier mit Spezialgebiet Mineralwasser. "Châteldon hat einen geschmacklich ganz besonderen Charakter", sagt der 30-Jährige; es zeige sich ausnehmend harmonisch am Gaumen. Wem 16 Euro für die Flasche zu viel sind, dem bietet Steguweits Wasserkarte noch 13 weitere Sorten: Peterstaler aus dem Schwarzwald, Fiji aus dem Südpazifik, Voss aus Norwegen, sprudelnd, still, natriumarm, kalziumreich. Die Zeiten, als Wasser Autofahrergetränk und Synonym für Krankenhaus war, sind passé: Wasser ist der neue Wein.

Mehr als elf Milliarden Liter Mineral- und Heilwasser haben die Deutschen 2008 getrunken - das sind 138 Liter für jeden und elf Mal so viel wie 1970, als der Pro-Kopf-Verbrauch bei gerade einmal 12,5 Litern lag. Wasser ist das zweitbeliebteste Getränk, gleich nach Kaffee und noch vor Bier, dessen Konsum seit Jahren rückläufig ist. Ob Büro, Strand, U-Bahn oder Fußgängerzone, die Mehrheit der Deutschen hat nahezu überall eine Wasserflasche dabei. Einer, der mit Skepsis auf die Wasser-Euphorie blickt, ist Wulf Schiefenhövel, Mediziner und Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut in Andechs.

Wassertrinken habe in Europa einen philosophischen, quasi-religiösen Stellenwert angenommen. Jahrelang hat Schiefenhövel die Bewohner des Hochlandes von West-Neuguinea, die Eipo, beobachtet, die maximal einen halben Liter pro Tag trinken und damit optimal versorgt sind. "Aber wir Europäer missverstehen den menschlichen Körper als mangelhafte Maschine, die von außen Kommandos bekommen muss, um zu funktionieren." Dabei sei der Mensch mit einem perfekten Wasserbalance-System ausgestattet: "Der beste Ratgeber ist unser Durst." Angaben darüber, wie viel Wasser man zu trinken habe, lehnt Schiefenhövel strikt ab.

Werbung mit Kerner, Klum und Co.

Zahllose Ratgeber-Bücher und die Mineralwasserindustrie empfehlen derweil, mindestens zwei Liter pro Tag zu trinken. In Deutschland gibt es mehr als 500 Mineral- und 60 Heilwässer; dazu kommen diverse Tafel-, Quell- und Sauerstoffwässer sowie Nearwater-Produkte - sie alle wollen gekauft werden. Die Firmen, die es sich leisten können, setzen deshalb auf Werbung mit Prominenz: Was Ludwig für Châteldon, sind Johannes B. Kerner für Bonaqua, Heidi Klum für Bella Fontanis und Madonna für Voss.

Besser sind die Wässer - so lautet die korrekte Mehrzahl in der Fachsprache - damit nicht. Es hilft, zu wissen, dass Mineralwasser als einziges Lebensmittel amtlich anerkannt werden muss, während es sich bei Heilwasser um ein Arzneimittel handelt, das einer Zulassung bedarf. Tafelwasser ist eine Mixtur verschiedener Wässer, und Quellwasser braucht zwar keine Amts-Anerkennung, stammt aber wie Mineralwasser aus unterirdischen Wasservorkommen.

Mehr Zucker als in einer Cola

Seit ein paar Jahren werden Wässer nun künstlich mit Sauerstoff angereichert. Unabhängige Studien, die einen positiven Effekt dieser Anreicherung belegen, gibt es nicht. "Sauerstoffwässer kann man sich sparen", sagt Andrea Danitschek von der Verbraucherzentrale Bayern. "Auch wenn im Darm nach dem Verzehr mehr O2 messbar ist, atmen wir mit der Lunge."

Ähnlich verhält es sich mit den Nearwater-Produkten (zu deutsch: "nah am Wasser"). Sie weisen meist zugesetzte künstliche Aromen sowie Farb- und Konservierungsstoffe auf, während die Pflanzen- und Fruchtextrakte, denen eine gesundheitsfördernde Wirkung attestiert wird, minimal dosiert sind. "Viele dieser Getränke enthalten außerdem mehr Zucker als eine Cola", sagt Sommelier Steguweit.

Ob still oder sprudelnd, klar oder rosafarben: Wasser hat sich zum Prestigeprodukt und Modeaccessoire gemausert. Wer es trinkt, suggeriert Gesundheitsbewusstsein und Sportlichkeit, immer öfter auch Luxus und Exklusivität: Die Flaschen für das norwegische Voss hat Calvin Klein entworfen; Bling aus Tennessee, USA, wird in mit Swarovski-Kristallen verzierten Flakons verkauft - 0,75 Liter kosten um die 50 Euro. Auf der Wasserkarte von Arno Steguweit ist Bling allerdings nicht gelistet. "Damit kauft man keine Qualität, sondern die Flasche", so der Sommelier.

Wasserberatung bedeutet für ihn immer auch Persönlichkeitsberatung - frei nach dem Motto: Zeige mir, was du trinkst, und ich sage dir, wer du bist. Aus dem einstmals geliebten Getränk des Sonnenkönigs ist ein Statussymbol für jedermann geworden. Der Griff zur Flasche verrät bisweilen so viel wie der Kauf eines Sportwagens - mein Haus, mein Auto, mein Wasser. Es ist die Getränkeindustrie, die darauf wohl schon mehrfach angestoßen hat.