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Spanische Grippe:Tödliche Reaktion des Immunsystems

Fast 50 Millionen Opfer forderte die Grippe-Epidemie 1918. Wissenschaftler haben nun eine Erklärung für die verheerende Wirkung der Erreger entdeckt.

Eine Studie an Affen zeigt offenbar, warum die Spanische Grippe 1918 fast 50 Millionen Menschen zum Verhängnis werden konnte.

Der Erreger der damaligen Grippepandemie hat demnach einen Angriff der Abwehrkräfte seiner Opfer gegen deren eigenes Körpergewebe ausgelöst, berichtet ein amerikanisch-japanisches Forscherteam im Journal Nature (Bd. 445, S. 319, 2007).

Das Virus vom Typ H1N1 habe eine Überreaktion des Immunsystems infizierter Menschen ausgelöst, wodurch die körpereigene Abwehr unter anderem das Lungengewebe zerstört habe. Diese Reaktion beobachteten die Forscher bei den nun untersuchten Primaten.

Die Gruppe um Darwyn Kobasa vom Nationalen Mikrobiologielabor im kanadischen Winnipeg konstruierte das Influenza-A-Virus von 1918 genetisch komplett nach und infizierte Langschwanzmakaken (Macaca fascicularis) damit.

Die Infektion löste eine übermäßige Reaktion des Immunsystems aus, bei der nicht nur die Viren attackiert, sondern auch das Lungengewebe zerstört wurde.

Durch den massiven Angriff der Immunzellen -Wissenschaftler bezeichnen das Phänomen als Zytokin-Sturm - füllten sich die Lungen der Opfer mit Flüssigkeit,so dass die Patienten gewissermaßen ertranken.

Zum Vergleich infizierte das Team um Kobasa die Affen zum Vergleich auch mit der gegenwärtigen H1N1-Variante.

Anders als auf das damalige Virus reagierten die Abwehrkräfte der Tiere "angemessen" auf den heutigen Erreger und ermöglichten es den Primaten, sich wieder zu erholen.

Die Studie könne erstmals erklären, warum ausgerechnet junge Erwachsene in ihren 20er und 30er Jahren am schwersten unter der Spanischen Grippe zu leiden hatten.

Junge Menschen dieses Alters haben generell das stärkste Immunsystem, das ihnen in diesem Fall mehr geschadet als genutzt habe. Ihre Abwehrkräfte hätten mehr Lungengewebe zerstört als jenes von Kindern oder alten sowie kranken Menschen mit schwächerem Immunsystem, berichten die Wissenschaftler.

Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 hatte ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert und 25 Mal mehr Todesopfer gefordert als sonst bei Grippeepidemien üblich.

Seitdem suchen Forscher nach der Ursache für die Zerstörungskraft des damaligen Virus, um die Menschheit vor der Wiederholung einer solchen Pandemie zu bewahren.

Sorgen wegen der Vogelgrippe

Sorge bereitet den Fachleuten, dass auch das Vogelgrippe-Virus H5N1 eine ähnliche Reaktion des Immunsystems auslöst wie der Erreger der Spanischen Grippe.

Dieser Grippe-Erreger, der seit 2003 grassiert, führt bei 80 bis 100 Prozent der infizierten Vögel innerhalb weniger Tage zum Tod. In seltenen Fällen stecken sich auch Menschen an. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es bisher 267 Fälle von menschliche Erkrankungen in zehn Ländern. 161 seien tödlich verlaufen.

Nun hat die Bedrohung durch das H5N1-Virus für den Menschen möglicherweise wieder etwas zugenommen. Bereits letztes Jahr waren bei drei infizierten Patienten in Vietnam H5N1-Stämme entdeckt worden, die resistent gegen das Anti-Grippe-Mittel Tamiflu sind.

Wie die New York Times berichtet, hat die WHO erklärt, dass nun auch in Ägypten bei zwei mit dem Medikament behandelten Personen resistente Stämme aufgetreten sind.

Tamiflu ist das Medikament, auf das nach der Verbreitung des H5N1-Virus bis nach Deutschland große Hoffnungen gesetzt wurden.

So hatte die WHO hatte allen Staaten empfohlen, Vorräte des Mittels anzulegen. Auch die deutsche Regierung bestellte daraufhin eine Menge, die reichen soll, um etwa 20 Prozent der Bevölkerung behandeln zu können.

Ziel ist es, beim Auftreten einer Virus-Variante, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, genug Zeit zur Entwicklung eines Impfstoffes zu haben.

Offenbar wächst nun die Gefahr, dass diese Strategie nicht funktioniert

Nach Informationen der US-Zeitung wurden die zwei mit dem Virus infizierten Personen mit Tamiflu behandelt, nachdem drei weitere Mitglieder ihrer Großfamilie im letzten Monat an der Vogelgrippe gestorben waren.

Die Viren, die jetzt in Ägypten nachgewiesen wurden, sind zwar resistent gegen Tamiflu - nicht aber gegen zwei weitere Grippe-Medikamente. Relenza ist allerdings teuer als Tamiflu und lässt sich nicht so einfach anwenden. Und gegen Amantadine entwickeln Viren - auch die verschiedenen Vogelgrippe-Viren - sehr schnell Resistenzen.

Experten wie Anne Moscona vom Weill Cornell Medical College empfehlen deshalb laut New York Times, Medikamenten-Cocktails einzusetzen, ähnlich wie es bereits bei der Behandlung von Aids-Patienten geschieht.

© sueddeutsche.de/dpa