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Reinhold Messner:"Wir lernen nur durch Scheitern"

sueddeutsche.de: Bei einem Gipfelaufstieg ist es Ihnen mehr wert, wenn Sie Hindernisse überwinden, als wenn alles glatt geht?

Messner: Das will ich nicht unbedingt sagen. Mir geht es in erster Linie um die Frage: Wie mache ich das, und das Wie ist wesentlich bei der Problemstellung. Nicht das Ob. Beim Felsklettern ist der Fels das Hindernis. Auch der Berg, das Gebirge ist ein Hindernis. Die Antarktis ist ein gewaltiges Hindernis. Die Bürokratie aber war bei meinem Museumsprojekt das größte Hindernis. Ich habe sehr viel dabei gelernt. Durch den Versuch, diese Hindernisse zu überwinden, mache ich Erfahrungen. Beim Herausfinden, warum ich gescheitert bin, kann ich lernen und es nochmals versuchen. Wir Menschen lernen durch Versuch und Irrtum.

sueddeutsche.de: Ist dieses Denken das, was Sie und Ihre besonderen Fähigkeiten am Berg ausmachen? Sie sind immerhin einer der wenigen, die solche extremen Abenteuer in dieser Vielzahl auch überlebt haben.

Messner: Nein, nein, es gibt Hunderttausende, die extrem klettern. Die Abenteuer sind natürlich verschieden groß. Inzwischen gibt es viele, die schwieriger klettern als wir 1968 geklettert sind. Ich bin keine alleinstehende Figur.

sueddeutsche.de: Für viele sind Sie das eben doch.

Messner: Ich bin einer der wenigen, der ganz andere Interessen hat als Sportler. Das Bergsteigen und das Abenteuer wird mehr und mehr zum Sport. Das ist nur eine Beobachtung, die ich jetzt mache: Das Klettern findet heute zu 99 Prozent in der Halle statt. Dort gibt es Wettkämpfe, die Halle ist aber nicht der Berg. Sie ist ein Als-ob-Gefahrenraum. Ich habe nichts dagegen, Klettern ist eine großartige Sportart. Aber mit dem, was ich tue, hat es wenig zu tun.

sueddeutsche.de: Für Sie war es nie Sport, für Sie war es eine Lebenseinstellung.

Messner: Für mich war es von Kindheit an Abenteuer, im klassischen Sinne. In das Unbekannte hinausgehen, ist es! Wenn der Berg aber schon bekannt ist, bleibt die Frage, ob ich ohne Atemmaske hochsteigen kann oder ob ich 2000 Kilometer weit laufen kann. Wir Menschen sind Mängelwesen und damit zu Erfahrungen fähig. Ich behaupte sogar - und hab das mit Peter Sloterdijk im Fernsehen diskutiert: Wir sind zur Sprache und zur Intelligenz gekommen, weil wir Mängelwesen sind.

Wir sind im Grunde in dieser Kette von vielen, vielen Lebewesen auf dieser Erde eins der schwächsten gewesen, als wir von den Bäumen herunterkletterten und in der Savanne laufen lernten. Wir mussten irgendetwas Einmaliges erfinden, um zu überleben. Wir haben kein dickes Fell, keine idealen Klettermuskeln, keine große Kraft. Uns fehlt Geschicklichkeit. Wir waren den meisten Raubtieren unterlegen. Und deshalb mussten wir die Sprache entwickeln. Nur dank der Kommunikation untereinander konnten wir uns organisieren, Hirsche erlegen oder einen Säbelzahntiger umbringen. Weil wir zusammen bessere Möglichkeiten haben.