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Raus aus der Öko-Ecke:Müsli 2.0

Lohas erfinden das Müsli neu, ganz ohne lila Latzhosen: Designer und Betriebswirtschaftler lassen Zutaten selbst mixen - im Internet oder in neuen urbanen Müsli-Bars.

"Rosinen und Bananenchips hasse ich wie die Pest", sagt Sophia Hoffmann, "vor zwei bis drei Jahren, als es nur diese Standard-Müslis im Regal gab, musste ich die immer rauspulen." Dieses mühsame Procedere wollte die 29-Jährige sich und anderen Kornliebhabern ersparen. Aus diesem Grund hat sie im Sommer zusammen mit Agnes Sieroslawski im Hamburger Schanzenviertel die Müslibar "Hoffski" - ein Puzzle aus den beiden Nachnamen der Betreiberinnen - eröffnet .

Sophia Hoffmann startet mit Körnern durch.

(Foto: Foto: Hensel)

Ihren Laden könnte man auch für ein ganz normales trendiges Altbau-Café halten, Stil: Berlin-Mitte. Mit seinem gebeizten dunklen Eichenparkett, dem modernen Latte-Macchiato-Tresen und den selbstdesignten weißen Möbeln konterkariert die Bar das ehemalige Öko-Image von Müsli in augenscheinlichster Form. Über 54 Zutaten, von Bio-Gummibärchen, Haferflocken, Sonnenblumenkörnern, Amaranth-Pops, Erdnüssen bis zu getrockneten Pflaumen kann sich der Kunde selbst nach eigenen Vorlieben zusammenmixen.

Eine Müsli-Schale im Gastro-Bereich kostet zwischen 1,50 und 3,00 Euro, die Milch gibt es gratis dazu. Müsli to go in der Tüte ist noch günstiger. Dafür gibt es auch die vier Grundmischungen als Basis - zum Beispiel die Fünf-Korn-Flocken für 1,20 Euro pro 100 Gramm.

Trophologie und Design

"Wir dachten uns, wann, wenn nicht jetzt?", sagt Hoffmann, "Statistiken zufolge steigt der Bio-Müsli-Absatz jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent. Die Nachfrage ist mit diesem ganzen Lohas-Trend einfach extrem gestiegen." Ahnung von der Körnermaterie hatten die beiden Jungunternehmerinnen zunächst nicht, die mussten sich die gelernten Grafikdesignerinnen erst einmal aneignen.

Mittlerweile kann Hoffmann mit trophologischem Wissen punkten: "Buchweizenflocken sollen angeblich den Blutzuckerspiegel senken. Hanfsamen stärken das Immunsystem", erzählt sie, "Meine Tante schwört darauf, dass Hirseflocken gut gegen Arthrose sind."

Renner im Laden ist das gute alte Bircher-Müsli, für das der Schweizer Müsli-Erfinder und Querdenker Maximilian Bircher-Benner vor mehr als 100 Jahren zunächst einmal Hohn und Spott erntete. Denn er stellte im Jahr 1900 die These auf, dass Getreide, Früchte und Gemüse hochwertigere Nahrungsmittel als Fleisch seien.

Gut eingeweicht

Heutzutage würde das Bircher in seiner Heimat, so Müsli-Expertin Hoffmann, sogar gerne noch traditionell zu Abend gegessen. Gerade für hektische Esser sei das Müsli perfekt, weil man auf dem über Nacht eingeweichten Haferflocken nicht so lang herumkauen müsse, meint sie.

Die hoffskische Mischung aus Einzelhandel und Café kommt bisher ganz gut an bei den Hamburgern. Eine Profitsteigerung durch einen Müsli-Versand per Post kommt für die beiden Ladeninhaberinnen jedoch nicht in Frage. Der Markt sei abgegrast, sagt Hoffmann. Und das stimmt.

Der Online-Müsli-Pionier mymuesli.com, der individuell zusammengemixtes Müsli nach Hause verschickt, hat sogar mittlerweile Nachahmer gefunden, wie etwa das Portal The Cereal Club, das im Sommer diesen Jahres in Hamburg gelauncht wurde. "Gelungene Geschäftsmodelle werden eben gerne mal kopiert", sagt Max Wittrock, einer der drei Mymuesli-Gründer aus Passau, gelassen.

Im vergangenen Jahr wurden der 25-Jährige und seine zwei BWL-Kommilitonen Hubertus Bessau und Philipp Kraiss vom Erfolg überrumpelt, bereits nach zwei Wochen war das Vorratslager leer; mittlerweile schreibt ihr Start-up mehr als eine Million Euro Umsatz, beschäftigt rund 40 Angestellte und ist in ein größeres Logistik-Zentrum umgesiedelt. Der Körnerversand wächst, und das auch über die deutschen Grenzen hinaus.

Diesen September haben die Müslianer im Schweizer Binningen bei Basel eine Produktionsstätte aufgemacht, außerdem sind sie mit einer Online-Site nach England expandiert, schließlich sei es "ein Klischee, das die Engländer nur Würstchen und Fett zum Frühstück essen".

Auf der nächsten Seite: Was Ernährungswissenschaftler über Müsli sagen.

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