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Mode-Illustration:Punkt, Punkt, Komma, Kleid

Mehr als ein Arbeitsdokument: Die Modezeichnung ist die vielleicht letzte Bastion schöpferischer Freiheit.

Nadine Barth

Ganz nah kam ihm die Kamera, doch er ließ sich nicht beirren. Die Hand war leicht zur Seite geneigt, der Stift beschrieb Bogen, Pirouetten, flog über das Papier, schraffierte, strichelte, ließ die Linien auslaufen, eine schnelle Skizze, "ach Wölfchen, kannst du uns nicht etwas zeichnen, es wäre doch so schön für das Porträt."

modezeichnung Y&Kei

Zen-inspiriert: die Aquarell-Tusche-Bilder des koreanischen Labels Y&Kei Water the Earth.

(Foto: Zeichnung: Collection Rolf Heyne)

Für Wolfgang Joop ist dieser Wunsch, geäußert von einer befreundeten Fernsehredakteurin in den 80er Jahren, eine leichte Übung. Er, der Kunst studierte, der schon im Paris Ende der 60er Jahre sein Geld damit verdiente, kurz nach den Modeschauen das Gesehene für die Zeitschriften niederzulegen, weil man damals noch nicht fotografieren durfte und so wenigstens eine Ahnung davon bekam, was Trend werden würde.

Die Hand, das kreative Medium

Für Joop ist das Skizzieren Inbegriff der ersten Vorstellung eines Entwurfs. "Meine Hand ist das kreative Medium für die Kollektion", sagt der Designer, der 2001 aus der Firma ausstieg, die seinen Namen noch heute trägt - Joop! - und der derzeit als "Wunderkind" Furore macht. Noch immer ist sein Arbeitsstil der gleiche geblieben: Vor Beginn einer neuen Kollektion zieht er sich zurück, mit Stapeln von Papieren, Bleistiften und Tusche, liest, denkt, träumt, zeichnet, folgt den Pfaden seiner Phantasie.

Tausende Entwurfsskizzen sind im Laufe der Jahre so entstanden, von ganz eigentümlicher, energetischer Kraft. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe besitzt mehr als 100 Zeichnungen, das Kunstmuseum Wolfsburg widmete seinem graphischen Werk schon 1995 eine Retrospektive, und die Ausstellung "Stillstand des Flüchtigen" wurde sogar im New Yorker Auktionshaus Sotheby's gezeigt.

Dass Modezeichnungen als Kunst gefeiert werden, ist eher selten, nur die wenigsten Skizzen gelangen überhaupt an die Öffentlichkeit. Denn wie schon der Name sagt, es sind Skizzen, Merkzettel, Gedankenhilfen - oder wenn man es ganz profan ausdrückt: Arbeitsdokumente.

Immer schon gab es nämlich zwei Sorten Modedesigner, die einen, die über die Zeichnung zum Entwurf gelangen, die anderen, für die der Stoff Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist und die eher Drapierungen an einer Schneiderpuppe machen. Coco Chanel gehörte zum Beispiel zur letzteren Gruppe, sie hat so gut wie nie gezeichnet. Die Ironie der Geschichte will es, dass ihr Nachfolger Karl Lagerfeld, der seit 1983 für Chanel entwirft, kaum mit Stoff in Kontakt kommt. Für ihn ist das Papier Quelle aller Inspiration und die Vorgabe für den Look, den er aus einer Art metaphysischer Distanz betrachtet und quasi mit seinem Zeichenstab dirigiert.

Zeichnen oder schneidern?

Stift oder Schere, das ist also die Frage, die man Modedesignern stellen kann, und vielleicht antwortet ein Jungspund ganz arrogant mit einem Weder-Noch, weil er seine Modemarke unter Marketinggesichtspunkten führt, doch dann wird er zumindest "zeichnen" oder "schneidern" lassen. Nun ist das Entwerfen ohne Papier nicht minder kreativ als das Entwerfen mit Papier, und auch am Computer sind schon interessante Kollektionen entstanden. Doch insbesondere der Modeskizze wohnt ein schöpferischer Zauber inne, und das hat mit ihrer Geschichte zu tun.

Mode als Ausdruck einer bestimmten Art sich zu kleiden, die eine Gruppe von Menschen zu einer bestimmten Zeit als "zeitgemäß" ansieht, war trotz ihres zyklischen Wandels immer auch ein Zeit überdauerndes gesellschaftliches Phänomen. Denn seit es Bilder einer Gesellschaft gibt, existieren auch Bilder ihrer Moden. Dies gilt für die ersten Höhlenmalereien wie für die Fresken des Mittelalters und die Zeichnungen eines Leonardo da Vinci. Was Menschen in früheren Zeiten getragen haben - Stoffe, Schnitte - und wie sie es getragen haben - ihre Gestik, ihre Haltung -, all das kennen wir aus gezeichneten, gemalten, gedruckten Bildern.

Erst die technische Errungenschaft der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts kratzte an der Wahrhaftigkeit der durch Künstlerhand hergestellten Bilder. Dennoch bestanden mindestens bis Ende der 1920er Jahre die Seiten der "Illustrirten" aus Illustrationen. Ob Die Dame, Elegante Welt oder Illustrirte Frauen-Zeitung - neue Moden wie das Reformkleid, Turf-Eleganz oder der Orientalismus wurden mittels opulenter Zeichnungen vermittelt. Der Modeschöpfer Paul Poiret (1879-1944), Erfinder des korsettlosen Kleides, begriff sich zeit seines Lebens als Künstler, der nicht nur selbst zeichnete, sondern Projekte initiierte, in denen andere Künstler seine Schöpfungen interpretieren sollten. Er arbeitete mit dem Maler Raoul Dufy zusammen und beschäftigte auch kurz den Graphik-Star des 20. Jahrhunderts, den jungen Erté.

Ein Modezeichner, der eine Generation prägte

Erté, mit bürgerlichem Namen Romain de Tirtoff, der von St. Petersburg nach Paris kam, wurde durch seine gewagten Kreationen für die Tänzerin Mata Hari bekannt. Er entwarf für die Bühne, stattete ganze Musicals aus, später sogar Hollywood-Filme. Doch vor allem als Modezeichner erlangte Erté Weltruhm: 1916 gab ihm der amerikanische Tycoon William Randolph Hearst einen Zehnjahresvertrag, damit er fortan nur noch für Hearsts Fashion-Flaggschiff, Harper's Bazaar, entwerfen sollte.

Bis 1937 prägte Erté maßgeblich den Look des Heftes, gestaltete nicht nur viele Titelbilder, sondern bestimmte auch durch seine hochgradig durchgestylten, mit dem Art déco flirtenden Zeichnungen den Look einer ganzen Generation. Sein Markenzeichen waren mit Perlen behängte, kurzhaarige (oft kupferrote) oder mit Kappen und Federn geschmückte Damen mit eleganten Gestiken und spitzen Mündern. Er kombinierte Art-Nouveau-Graphiken mit Elementen aus der griechischen Mythologie und dem russischen Konstruktivismus.

Das Besondere: Alle seine Zeichnungen entsprangen seiner eigenen Ideenwelt, er zeichnete nicht die Kollektionen anderer Couturiers ab, sondern schuf seine eigene Welt der Anschauung.

Die Modezeichnung hat sich gewandelt: Fortsetzung nächste Seite

Punkt, Punkt, Komma, Kleid

Mehr Vertrauen ins Foto

Skizzen Chapurin, Joop

Europäische Eleganz strahlen die Tusche-Skizzen von Chapurin (links) und Joop! aus.

(Foto: Zeichnung: Collection Rolf Heyne)

Nun hat sich im Lauf der Jahrzehnte wie die Mode auch die Modezeichnung gewandelt. Markantester Unterschied: Die Illustration wird in den seltensten Fällen noch dazu benutzt, einen Trend zu erklären, da vertraut man heute dem Foto. Zudem klafft mittlerweile ein Graben zwischen der Gebrauchs- und Werbegraphik und der künstlerischen Illustration. Natürlich gibt es Zeichner, die einem Modedesigner ihr Talent "leihen" - wie René Gruau einst dem Couturier Christian Dior, dessen Ideen er zu Papier brachte. Gruaus Werbung für das Parfum "Miss Dior" von 1947 begründete einen Boom illustrierter Anzeigen, der immer noch andauert.

Die Journalistin Laird Borrelli, die als Senior Fashion Editor bei style.com, der Internet-Plattform der amerikanischen Vogue, arbeitet, hat bereits zwei Bücher über diese "gewerbliche" Form der Illustration ("Fashion Illustration Now" und "Fashion Illustration Next") herausgegeben. Ob in Katalogen, Kommerzblättern oder auf Plakatwänden - modisch anmutende Motive finden sich überall. Oft haben ihre Erzeuger Mode studiert, doch sie stellen keine Mode (mehr) her.

Anders die Zeichner, die Borrelli in ihrem dritten Buch vereint, das jetzt auch in Deutschland erschienen ist. Darin widmet sie sich der "Illustrationskunst von Modedesignern", zum einen, weil die bisher zu Unrecht "unbeachtet" blieb und zweitens, um diesen "individuellen Schaffensprozess nachvollziehbar zu machen." Und so findet sich in diesem bilderreichen Kompendium eine Fülle unterschiedlichster kreativer Ansätze, weil eben jeder Designer ganz individuell arbeitet.

Auch die Wahl der Mittel variiert stark: Da gibt es die einfachen, linearen und mit feinem Tuschestift gezeichneten Kleider, Mäntel und Jacken des Kaliforniers Phillip Lim, die diffizileren und mit Anweisungen versehenen Tusche-Aquarell-Skizzen des Altmeisters Christian Lacroix oder die wie Aliens wirkenden schlanken Figurinen des Italieners Giambattista Valli.

Und dazwischen jede Menge überraschender Entdeckungen wie den in Korea geborenen Designer Hanuk, der mit Gouache-Technik wie aus dem Nichts kommende Kleiderpüppchen aufs Weiß wirft oder die Israelin Molly Grad, die für Stella McCartney und Yves Saint Laurent entwirft und auf deren Zeichnungen die Frauen ausdrucksvolle Gesichter haben, von schmerzhaft-energetisch bis kindlich-verloren.

Eigenwillige Technik, comic-haften Skizzen

Es gibt sogar ganze Kunstprojekte wie die komplexen Collagen eines Aitor Throup. Der Künstler, der das Londoner Royal College of Art mit Auszeichnung abschloss, hat eine recht eigenwillige Technik: Er bastelt eine Miniatur-Skulptur, die er mit Stoffen bekleidet. Für seine comic-haften Skizzen arbeitet er mit Aquarellfarbe, Stempel und Magic Marker auf Recyclingpapier - und lässt am Ende auch mal eine Computerschrift darüberlaufen. Kollektionen heißen etwa "When Football Hooligans Become Hindu Gods" und sehen auch genauso abenteuerlich aus.

Laird Borrelli hat Arbeiten von insgesamt 60 Modedesignern zusammengetragen und mit kurzen, zitatreichen Texten versehen. Einige Illustrationen wurden eigens für das Buch angefertigt, wie etwa die Tusche-Zeichnungen von Sonia Rykiel. Für die französische Strickmode-Designerin birgt das Entwerfen auf dem Papier eine ganz eigene Faszination: "Das Zeichnen ist mir so natürlich wie das Sprechen", erklärt sie. "Eine Skizze kann ganz unterschiedliche Realitäten ausdrücken, die bis dahin unvorstellbar waren. Zwischen der Hand des Künstlers und seinem Medium besteht eine direkte persönliche Beziehung. Eine Skizze ist offen, unendlich und fühlbar."

Von dieser "Magie" des Zeichnens, der Erschließung anderer Realitäten, berichten auch andere Designer. "Mit einer Zeichnung kann man etwas schaffen, das nicht existiert", sagt Bruno Pieters, Absolvent der Königlichen Akademie der Künste in Antwerpen und seit kurzem Designer für Hugo. Er schaffe immer einen "Gesamteindruck einer Kollektion" und niemals "technische Zeichnungen".

Die sogenannten "technischen Zeichnungen" (französischer Fachausdruck "Croquis") sind ein anderes Feld. Hier werden nur Umrisse gezeigt, Vorder- und Rückseiten penibel abgebildet, Seitensäume beschrieben, manchmal mit exakten Zentimeterangaben. Sie sind die letzte Vorstufe zum Schnittmuster und werden heute meist am Computer generiert.

Vielleicht ist also die Modezeichnung die letzte Bastion schöpferischer Freiheit: Sie muss nichts beweisen - aber sie kann alles erreichen. "Manchmal wird aus einem beeindruckenden Entwurf ein enttäuschendes Kleid, und dann wieder kommt man von einer unbefriedigenden Zeichnung zu einem schönen und tragbaren Stück" sagt Rossella Tarabini, die Designerin von Anna Molinari.

Und Yves Saint Laurent meint: "Wenn ich zum Stift greife, weiß ich nicht, was ich zeichnen werde. Ich habe keine vorgefertigte Idee. Es ist der Zauber des Augenblicks. Ich beginne mit einem Frauengesicht, und dann entwickelt sich auf einmal ein Kleid, das Stück nimmt Form an. Mich überrascht dieser Ansturm von Ideen, diese Fähigkeit, Kleidung zu ersinnen, immer wieder aufs Neue. Manchmal funktioniert es, manchmal auch nicht. Dann muss man etwas anderes tun. Aber man wird auf jeden Fall erneut zu Papier und Stift greifen."

Das Buch "Von Meisterhand. Wenn Modedesigner zeichnen" von Laird Borrelli ist im Verlag Collection Rolf Heyne erschienen.

© SZ vom 08.03.2008
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