Menschenversuche Die Perversion des Heilens

Diese Erklärung diene der Selbstentlastung des eigenen Berufsstandes; so würden sich die Ärzte zu Opfern der Umstände machen. Auch sei es zu einfach, die Taten der Mediziner als Spaltung ihrer Persönlichkeit zu deuten: "Nach der NS-Ideologie war Töten Bestandteil des Heilens. Die Ärzte glaubten, dass die Verwahrung der Unheilbaren die Heilung der Heilbaren verhinderte."

Eine biopolitische Entwicklungsdiktatur

Die Täter handelten nach dieser Lehre, so Schmuhl auf dem Nürnberger Kongress. "Die NS-Mediziner waren Idealisten und hatten eine gesellschaftliche Utopie. Es handelte sich um eine biopolitische Entwicklungsdiktatur mit dem Ziel der vollständigen Kontrolle über Leben, Leiden, Sterben, Zeugen und Gebären."

Alice Ricciardi von Platen, geboren 1910, war neben Alexander Mitscherlich und Fred Mielke in der dreiköpfigen deutschen Ärztekommission, die den Prozess beobachtet hat. "Sie haben gesunde Menschen im Namen der Volksgesundheit umgebracht", sagt Ricciardi von Platen. "Als wir darüber berichten wollten, wurden wir als Verräter und Nestbeschmutzer beschimpft."

Das Buch "Medizin ohne Menschlichkeit" über den Ärzteprozess, das 1948 mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren herauskam, wurde zum Großteil von Ärzten aufgekauft und versteckt oder vernichtet.

Der Vernichtungszug gegen geistig Behinderte und der Mord an Gesunden, der in Nürnberg verhandelt wurde, begann nicht erst mit dem Krieg. Bereits 1933 bis 1939 kam es immer wieder zur Tötung von Menschen, die aus Sicht der nationalsozialistischen Ideologie "menschenunwertes Leben" darstellten. Nachdem schon vorher in "Tötungsanstalten" Menschen vergast worden waren, wurde im April 1940 der Massenmord an Kranken beschlossen.

Das inoffiziell als T4 bezeichnete Programm (nach seinem Verwaltungssitz in der Berliner Tiergartenstraße 4) hatte die planmäßige Ermordung Kranker zum Ziel. Hitler selbst hatte den Befehl für das nationalsozialistische Euthanasieprogramm gegeben.

In dem kurzen Schreiben, das er nachträglich auf den Tag des Kriegsbeginns, den 1. September 1939, zurückdatierte, gab er den Auftrag, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann".

Was das in der Praxis bedeutete, wurde bald deutlich. In den ersten Kriegsmonaten wurden Tausende Kranke im besetzten Polen ermordet. Von Herbst 1939 an nahm die NS-Tötungsmaschinerie ihren Lauf: Nach Begutachtung und Transport in die vier Tötungsanstalten Grafeneck, Sonnenstein, Brandenburg an der Havel und Hartheim nahe Linz, wurde systematisch gemordet.

Später kamen das hessische Hadamar und Bernburg an der Saale als Tötungsanstalten hinzu. In etlichen "Kinderfachabteilungen" wurden Stationen eingerichtet, die einzig dem Zweck dienten, geistig behinderte oder andere schwerkranke Kinder mit einer Überdosis Medikamente zu töten.

Im August 1941 wurde die Aktion T4 von Hitler zwar vordergründig beendet. Doch bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits mindestens 70 000 Menschen aus vermeintlich medizinischen Gründen umgebracht worden. Mindestens 20 000 weitere Menschen fielen Mord und Menschenversuchen in den Konzentrationslagern zum Opfer. Laut anderen Schätzungen gab es fast 200 000 Todesopfer im Namen der NS-Medizin.

Im KZ Neuengamme nahe Hamburg wurden bis in die letzten Kriegstage Experimente an Kindern durchgeführt. Im November 1944 wurden 20 jüdische Kinder aus Auschwitz nach Neuengamme gebracht und mit Tuberkulose infiziert. Um das Verbrechen zu verbergen, ließ die SS die Kinder und ihre Betreuer kurz vor Kriegsende ermorden.

Leben in der ethischen Wüste

"Die meisten Ärzte hatten vorher nicht getötet, erst in der Nazi-Zeit erfolgte ihre Sozialisation zum Bösen", sagt Lifton. Von der Tochter eines NS-Arztes wurde er gefragt, ob er glaube, dass ein guter Mensch böse Dinge tun könne. "Ich denke schon", antwortete Lifton, "aber dann ist er kein guter Mensch mehr."

Lifton vermutet, dass die meisten Mediziner auf ihre Profession vertrauten. "Doch Arzt sein ist nicht genug. Das ist ein vergebliches Hoffen auf einen ethischen Schutzmantel durch den Beruf", sagt Lifton. "Der logische Schritt - Ärzte sind Heiler, wir sind Ärzte, also sind wir auch Heiler - stimmte nicht mehr."

Ein Ergebnis des Prozesses ist der "Nürnberg-Kodex". Er beschreibt die Kriterien für medizinische Versuche und fordert die aufgeklärte Einwilligung zu allen Studien und Tests. Der Oxford-Historiker Paul Weindling ist überzeugt, dass die Nürnberger Ärzteprozesse "Grundlage für eine neue Ethik" waren. Die Hospiz-Bewegung habe einen Aufschwung erlebt.

"Nach dem Leben in einer ethischen Wüste gab es im Anschluss an Nürnberg eine neue Ethik in der Nachkriegszeit." Häufig hatten diejenigen, die diese neue Ethik einforderten, unmittelbar nach dem Krieg Überlebende gepflegt.

"Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer rein naturwissenschaftlich betriebenen Medizin und der Gefahr von Menschenversuchen", sagt Weindling im Gegensatz zu Schmuhl. Dank der Nürnberger Prozesse sei das bewusster geworden. "Statt einer rein naturwissenschaftlichen Medizin braucht es eine Medizin des Dialogs, eine Heilkunst des Ich und Du", fordert Weindling.

Auch Horst-Eberhard Richter, den mittlerweile 83-Jährigen Mitbegründer der Kongressreihe, beschäftigt die Haltung der Ärzte bis heute. "Irgendwann hat man mehr Angst, sich selbst zu verraten als von Autoritäten bestraft zu werden", sagt Richter.

Damit Mediziner sich den ihnen Anvertrauten nicht wieder auf so grausame Weise entfremden, empfiehlt er eine Medizin, die einer Heilkunde des Ich und Du nahekommt: "Nähe ist Verantwortung, und Verantwortung ist Nähe."