Medizin und Wunder Spontan gesund

Eine französische Nonne ist sicher, durch eine Wunderheilung von Johannes Paul II. genesen zu sein. Die Wissenschaft kennt solche Wunder nicht, wohl aber die überraschende Genesung.

Von Werner Bartens

Medizin ist die Kunst, den Patienten die Zeit zu vertreiben, während der Körper mit der Selbstheilung beschäftigt ist. Diese despektierliche Einschätzung der Heilkunde ist nicht so übertrieben, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Zwar helfen ärztliche Maßnahmen in vielen Fällen, den Genesungsprozess zu beschleunigen. Erfahrene Ärzte wissen jedoch, dass etliche Krankheiten die Tendenz zur Selbstbegrenzung haben und keinesfalls den Körper immer stärker zerstören, wenn die Medizin nicht eingreift.

Die Nonne Marie-Simon-Pierre wurde angeblich durch Papst Johannes Paul II. von Parkinson geheilt

(Foto: Foto: dpa)

Dass eine Grippe mit Behandlung genau so lange dauert wie ohne, hat sich herumgesprochen. Peer Eysel, Chefarzt der Orthopädie an der Universität Köln, sagt das gleiche über Rückenschmerzen: "Mit Behandlung dauern sie 14 Tage - ohne zwei Wochen. Meistens wenigstens."

Tumore können absterben

Bei Krebs können Ärzte Spontanheilungen erklären, auch wenn sie sehr selten vorkommen. "Der Tumor kann absterben, sich zurückbilden oder durch Thrombosen von der Blutversorgung abgekoppelt werden", sagt Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie.

Der Krebsexperte von der TU Dresden kann sich nach 28 Jahren Berufserfahrung jedoch kaum an eine Spontanheilung erinnern. "Man kann auch mit Medikamenten geheilt werden und glaubt dann an ein Wunder", sagt Ehninger.

Was Kranke als Wunder empfinden, gehört schließlich in den Bereich der subjektiven Wahrnehmung. Immer wenn er angeblichen Wunderheilungen nachging, war die Krankheit vorher nicht dokumentiert und der Heilerfolg konnte nicht nachvollzogen werden, so Ehninger. Oft führe die Entlastung von Angst oder anderen Beschwerden dazu, dass sich Leidende spontan besser fühlen. Marie-Simon Pierre, die Nonne, die durch eine Wunderheilung Johannes Paul II. von Parkinson genesen sein soll, schildert Symptome, die auch auf andere Beeinträchtigungen hinweisen könnten.

Der Evolutionsforscher Stephen Jay Gould hat selbst erfahren, wie wundersam der Genesungsprozess verlaufen kann. Er erlebte keine Spontanheilung, sondern einen selten günstigen Krankheitsverlauf. In seinem Buch "Illusion Fortschritt" schildert der Wissenschaftler, wie bei ihm 1982, als 40-Jährigem, ein Mesotheliom, ein seltener Krebs der Bauchhöhle, diagnostiziert wurde. In der Fachliteratur las Gould nach, dass diese Form von Krebs ,,ausnahmslos tödlich'' verlaufe und seine durchschnittliche Lebenserwartung mit diesem Tumor acht Monate betragen würde.

"Heureka-Erlebnis mit der Statistik"

Dann hatte Gould ein "Heureka-Erlebnis mit der Statistik, das mir viel Hoffnung und Trost verschaffte". Der Forscher lernte, dass ein Durchschnittswert von acht Monaten Überlebenszeit eben auch bedeutet, dass einige Patienten länger überleben - er gehörte zu den Glücklichen, in seinem Fall waren es 20 Jahre.

Weil Krankheitsverläufe bei jedem Menschen unterschiedlich sind, ist es falsch, wenn Ärzte auf die Frage eines Patienten, wie lange er noch zu leben habe, konkrete Angaben machen. "Die Medizin kann nicht in die Zukunft schauen und keine individuellen Vorhersagen treffen", sagt Ehninger. "Wir können nur über statistische Streubreiten berichten." Frühformen mancher Krankheiten - etwa des Lungenleidens Sarkoidose oder beim Blutkrebs Morbus Hodgkin - könnten sich zudem völlig zurückbilden.

Der Astronom Carl Sagan, 1996 an Krebs gestorben, hat kurz vor seinem Tod ermittelt, dass Experten die Rate für Spontanheilungen bei Krebs auf eins zu zehntausend bis eins zu hunderttausend schätzen. Am Beispiel des französischen Wallfahrtsortes Lourdes zeigte Sagan, dass dort keine Wunderheilungen stattgefunden haben können.

Seit 1858 von der Erscheinung der Jungfrau Maria am Rand der Pyrenäen berichtet wurde, sind mehr als 100 Millionen Menschen in der Hoffnung auf Heilung nach Lourdes gepilgert. Die katholische Kirche hat weniger als hundert Wunderheilungen akzeptiert. Der "Heilerfolg" von Lourdes liege damit weit unter der üblichen Rate medizinisch erklärbarer Spontanheilungen bei Krebs.