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Medikamente:Aufklärung mit Hindernissen

Zwei Mediziner wollten deutsche Ärzte darüber aufklären, welche Mittel wirksam und preiswert sind. Nun hat schon die zweite Zeitschrift die Veröffentlichung abgesetzt - auf Druck der Pharmaindustrie, vermuten die Autoren.

Werner Bartens

Michael Kochen und Wilhelm Niebling müssen sich verschaukelt vorkommen.

Erst wollten gleich zwei Zeitschriften die Artikelserie der beiden Professoren für Allgemeinmedizin drucken.

Jetzt wird sie in keinem der beiden Blätter weitergeführt. Nach der Zeitschrift für Allgemeinmedizin, die den zweiten Teil der aus fünf Artikeln bestehenden Serie im August kurzfristig aus dem Heft nahm (SZ, 19.9.), hat jetzt auch Der Hausarzt einen Rückzieher gemacht.

"Das ist vermutlich derselbe Mechanismus bei beiden Zeitschriften", sagt Wilhelm Niebling. "Sie wollen keinen Ärger mit der Pharmaindustrie, denn die Gefahr ist zu groß, dass Anzeigen entzogen werden."

Am Dienstag erhielt Kochen Post von Monika von Berg, Chefredakteurin vom Hausarzt. Die Mitteilung war lapidar: "Ich möchte Sie mit diesem Brief gerne darüber informieren, dass Ihre Manuskripte aus der Serie ,Informationen zur rationalen Arzneitherapie in der hausärztlichen Praxis" zu den Themen Protonenpumpenhemmer und Indikationen für Thrombozytenaggregationshemmer für eine Publikation in der Zeitschrift ,Der Hausarzt" nicht in Frage kommen."

Dabei wirken die Texte von Michael Kochen und Wilhelm Niebling auf den ersten Blick nicht besonders brisant. Die beiden Mediziner wollten die 42.000 Hausärzte in Deutschland lediglich darüber aufklären, mit welchen Medikamenten sie ihre Patienten wirksam, sicher und preiswert behandeln können, ohne auf die Versprechungen der Pharmaindustrie oder mächtiger Lobbygruppen unter den Ärzten hereinzufallen.

Zwei Beiträge veröffentlicht - und Schluss

Der erste Beitrag über Mittel, die den Blutdruck senken, erschien im Juli in beiden Medizinblättern. Eine teure Medikamentengruppe, die Sartane, kam darin nicht gut weg. Die Mittel sind herkömmlichen Blutdrucksenkern nicht überlegen, aber deutlich teurer. Der zweite Beitrag über Magenmittel beschrieb ebenfalls, welche Medikamente nur teurer, aber nicht besser sind.

Der für August geplante Text wurde von der im Thieme-Verlag herausgegebenen Zeitschrift für Allgemeinmedizin nicht mehr gebracht.

Wilhelm Niebling hatte in Erfahrung gebracht, dass die Pharmafirma Takeda dem Thieme-Verlag mit Anzeigenentzug drohte.

Zuvor hatten sich die Pharmafirmen Takeda und Novartis, die Sartane herstellen, bei beiden Fachblättern und -verlagen ausführlich über den Artikel beschwert.

Als die Augustausgabe der Zeitschrift für Allgemeinmedizin mit vierwöchiger Verspätung Mitte September erschien, wies lediglich ein Fehler im Inhaltsverzeichnis darauf hin, dass der Artikel zunächst eingeplant war, aber in letzter Minute gekippt wurde.

Jetzt hat auch die zweite Zeitschrift, Der Hausarzt vom Verlag Med Komm, die Serie gestoppt. Für Michael Kochen zeigt das Verhalten der beiden Zeitschriftenredaktionen "die Parallelität der Abhängigkeiten von den Anzeigenkunden und die Parallelität der Reaktionen".

Der Hausärzteverband, der über zehn Seiten im Hausarzt verfügen kann, hatte dem Abdruck des zweiten und dritten Teils der Serie bereits zugestimmt.

Monika von Berg, Chefredakteurin vom Hausarzt, sagt hingegen: "Die Serie war weder bestellt noch geplant noch der Abdruck bestätigt."

Das Vertrauen zu den Autoren sei geschädigt; inhaltliche Gründe dafür wollte sie der Süddeutschen Zeitung aber nicht nennen. Ihre Fachzeitschrift werde sich "den kritischen Themen stellen". Zwar sei das Geschäft schwieriger geworden, "aber wir sind nicht pharmaabhängig".

"Es war ja zunächst überraschend, dass die Zeitschrift, die noch stärker als andere mit Werbung durchsetzt ist, die Serie fortführt", sagt Wilhelm Niebling.

Er wundert sich nach dem bisherigen Hickhack um die kritischen Artikel über nichts mehr. "Wir werden die Informationen schon an die Hausärzte bringen", sagt er. "Das sehe ich mittlerweile sportlich."

© SZ vom 12.10.2006
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