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Männer-Kolumne:Sven

Unsere Autorin trifft Vielflieger Sven, der es hasst, am Check-in hinter Kindern zu stehen und vor dem Start zu warten. Sein Motto: Es gibt nichts Gutes, außer es gibt Meilen dafür.

Von Johanna Adorján

Sven fliegt beruflich viel. Aus diesem Grund darf er in die Vielflieger-Lounges in den nicht-öffentlichen Bereichen der Flughäfen. Dieser Umstand macht sein ansonsten durchschnittliches Leben, eines, wie es viele haben, für ihn selbst zu einem ganz besonderen. Es bereitet ihm immer noch jedes Mal Gänsehaut, seinen eigenen Namen in Gold in eine Vielfliegerkarte eingestanzt zu sehen. Städte beurteilt er nach ihren Flughäfen. München: gut; Paris: schlimm; New York: Vollkatastrophe; Doha: herrlich; Singapur: der absolute Obertraum. Er hat ein silberfarbenes Rollköfferchen, dem man nicht ansieht, wie teuer es war. Das zieht er mit ernstem Gesichtsausdruck auf internationalen Flughäfen hinter sich her, immer schnellen Schrittes, damit jeder sieht, dieser Mann kennt sich hier aus, der muss nicht erst suchend herumgucken, der war schon mal hier: ein Vielflieger.

Was er hasst, ist, am Check-in hinter Menschen mit Kindern zu stehen, dauert ewig, auch alte Menschen sind schlecht. Und so sieht man ihn meistens hinter anderen Männern mit denselben Köfferchen in Schlangen stehen, wenn er denn wirklich mal das Horrorpech hat, Schlange stehen zu müssen, denn eigentlich - Moment, wo hab ich sie denn, Sekunde, geht gleich los, hoppla, British Airways wollte ich jetzt gar nicht, jetzt aber, danke - darf er überall gleich durch.

Ständig hat er neue Schauergeschichten von seinen Reisen zu erzählen, hier jeweils der Schluss:

... kam der Bus erst mal nicht.

... standen wir noch 20 Minuten auf dem Rollfeld.

... musste ich mein Handgepäck aufgeben.

Aber trotz aller Strapazen und Schikanen liebt er das Vielfliegen doch.

Vor allem eben den Aufenthalt in den VIP-Lounges. Ja, da fühlt er sich wohl, da ist er zu Haus. Er bestellt immer das Gleiche: Gin Tonic, mit Hendrick's Gin, wie er fachmännisch dazu sagt, obwohl er Gemüse im Alkohol eigentlich nicht mag. Misstrauisch trinkt er um die Gurkenscheibe herum. Aber Hendrick's, glaubt er halt, trinken Männer von Welt. Dazu Wasabi-Nüsschen geknabbert, what a life. Und wo es hier in der kühlen Lounge so penetrant nach Essen riecht (ist es Rührei?, ist es Speck?), ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sven sich auch etwas zu essen bestellt. A Clubsandwich please, zwinkert er der bildschönen Kellnerin zu. Hunger hat er zwar nicht, aber ist ja umsonst. Ach schau an, am Nebentischchen haben sie Pommes. Er winkt die Kellnerin noch mal zu sich und bestellt Pommes nach. Oh, and another Hendrick's Tonic please. Wo man doch hier so bequem sitzt. Und fast nur Männer. Auch mal wieder schön. Und alle in Anzügen. So vornehm. Toll. Und telefoniert werden darf hier gar nicht, unglaublich, diese Etikette. Und Teppichboden! Und ganz leise beruhigende Klaviermusik, ist das nicht sogar Mozart, Wahnsinn, alles umsonst.

Fast hätte unser Sven über all dem Staunen und Genießen die Zeit vergessen. Und dann muss er plötzlich rennen. Um ein Haar den Anschlussflug verpasst. Als einer der Letzten im stickigen Ziehharmonikaschlauch vorm Flugzeug, wann würden die Trottel endlich kapieren, wie man zügig boardet? Ihm ist jetzt ein bisschen schlecht. Als er aufstößt, richt es um ihn herum nach Speck. In Reihe eins schläft er sofort ein.

© SZ vom 01.09.2018

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