Mängel der Ernährungsforschung:Keiner weiß, was gesund ist

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Appelle, sich gesund zu ernähren, gibt es genügend. Doch die Methoden der Ernährungswissenschaft sind in hohem Maße angreifbar.

Werner Bartens

Die Ernährungswissenschaften haben ein dickes Problem. Sie sind methodisch in hohem Maße angreifbar. Kaum eine andere Forschungsrichtung ist so vielen Störfaktoren ausgesetzt - in erster Linie dem Störfaktor Mensch.

Wurst; iStockphotos

Wie gesund oder ungesund Wurst sein kann, hängt auch davon ab, wie sportlich, ausgeschlafen und glücklich ein Mensch ist.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Wenn beispielsweise in einer großen Studie untersucht wird, wie sich der Salz-, Kaffee- oder Marmeladenbrotkonsum auf den Blutdruck oder die Hormonspiegel auswirkt, spielt es für das Ergebnis eben nicht nur eine Rolle, wieviel Salz, Kaffee oder Marmelade die Teilnehmer zu sich nehmen.

Schließlich kann es ja sein, dass diejenigen, die viel Marmelade essen, auch größere Genießer, sportlichere Menschen, bessere Schläfer und überhaupt glücklicher sind und deswegen ausgeglichenere Hormonspiegel und einen milderen Blutdruck aufweisen.

Das liegt dann nicht an der Marmelade, sondern an anderen Einflüssen, von denen man einige erfassen, manche nicht mal messen und etliche nur ahnen kann. Berücksichtigen Forscher diese vielen Störfeuer nicht, setzen sie immer wieder abstruse Meldungen in die Welt, wonach Käsekuchen dumm macht, Broccoli Krebs verhindert oder der Wein aus einer bestimmten apulischen Südlage die Koronarien freipustet.

Aus diesen methodischen Schwächen folgt leider auch, dass sich die meisten Ernährungsempfehlungen nicht wissenschaftlich seriös belegen lassen. In jüngster Zeit zeigte sich etwa in mehreren Studien, dass nicht die Menschen mit vermeintlichem Idealgewicht am längsten und gesündesten leben, sondern solche, die so viel auf den Rippen haben, dass sie nach herkömmlichen Definitionen als leicht bis mäßig übergewichtig gelten.

Auch die von Ärzten seit Jahrzehnten wiederholte Ermahnung, weniger zu salzen, um Herz und Gefäße zu schonen und länger zu leben, ist starken Zweifeln ausgesetzt - zudem kommen 80 Prozent des Salzes im Essen nicht aus dem Streuer, sondern sind in Fertigprodukten und anderen Nahrungsmitteln bereits verarbeitet. Und erst vor kurzem zeigte sich, dass die ständigen Appelle, fettarme Speisen zu sich zu nehmen, eine Kohlenhydrat-Mast begünstigt haben, die offenbar dazu beigetragen hat, dass es immer mehr Diabetiker gibt.

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