Krank durch Medikamente Leiden auf Rezept

Die Zahl von Komplikationen und Todesfällen durch Medikamente hat in den USA seit 1998 erheblich zugenommen. Ähnliches gilt vermutlich auch für Deutschland.

Von Werner Bartens

Voltaire war skeptisch gegenüber dem Treiben der Mediziner: "Ärzte geben Medikamente, von denen sie wenig wissen, in Menschenleiber, von denen sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, von denen sie überhaupt nichts wissen", hat der französische Aufklärer gesagt.

(Foto: Foto: Digitalstock/sueddeutsche.de)

Seit Voltaires Zeiten hat die Medizin zwar enorme Fortschritte gemacht. Nebenwirkungen von Arzneien können Ärzte bisher jedoch nur unzureichend verhindern.

Einer Auswertung im Fachblatt Archives of Internal Medicine von diesem Dienstag zufolge haben die Komplikationen sogar stark zugenommen. Demnach hat sich die Zahl der schweren Arzneimittelzwischenfälle seit 1998 mehr als verdoppelt. Die Todesfälle durch Medikamente haben sich seither sogar nahezu verdreifacht.

"Dieser Anstieg weist auf ein massives Problem hin", sagt Thomas Moore vom Institute for Safe Medication Practices in Pennsylvania. "Wir müssen lernen, besser mit Arzneirisiken umzugehen. Das derzeitige System schützt die Patienten nicht genug."

Das Team um Moore hatte Berichte von Nebenwirkungen und Todesfällen ausgewertet, die von der US-Arzneimittelbehörde FDA seit 1998 registriert werden. Wurden 1998 noch 34.966 Komplikationen verzeichnet, waren es 2005 schon 89.842. Die Zahl der Todesfälle nahm im selben Zeitraum sogar von 5519 auf 15.107 zu.

Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass mehr Nebenwirkungen gemeldet werden. So ist die Zahl der verschriebenen Medikamente insgesamt in den USA seit 1998 um etwa die Hälfte gestiegen - dies könne etwa 25 Prozent der zusätzlichen Zwischenfälle erklären, vermuten die Autoren.

Etwa 15 Prozent des Anstiegs gehen auf einige wenige neue Substanzen zurück, darunter hauptsächlich Schmerzmittel sowie Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen. "Im Gegensatz zu unseren Erwartungen machten die Mittel, die vom Markt genommen wurden, aber nur einen geringen Teil der Fälle aus", sagt Moore.

Hohe Dunkelziffer

Nach verschiedenen Schätzungen werden von der FDA jedoch nur 0,3 bis 33 Prozent der tatsächlichen Nebenwirkungen erfasst. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Ungewiss sind auch entsprechende Angaben für Deutschland.

"Es gibt keine belastbaren Erhebungen zu dieser Frage, aber man kann die Zahlen aus den USA, aus Kanada oder Australien durchaus übertragen", sagt Daniel Grandt vom Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. "Man kann die Dimension mit den etwa 5000 jährlichen Todesfällen im Straßenverkehr vergleichen - gegen diesen Missstand wird aber weitaus mehr getan."

Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen schätzt in seinem Gutachten 2007, dass in Deutschland 80000 Patienten jährlich wegen Nebenwirkungen ins Krankenhaus müssen - mindestens 40 Prozent dieser Fälle wären vermeidbar, sagen die Experten.

Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt hingegen zwischen 15000 und 17000 unerwünschte Nebenwirkungen durch Medikamente jährlich an, Tendenz ebenfalls steigend. Dazu zählen 1200 bis 1400 tödliche Komplikationen. Diese Zahlen erfassen aber nur die gemeldeten Zwischenfälle.

"Das sind weder alle Nebenwirkungen noch alle Todesfälle", sagt Ulrich Hagemann, der die Abteilung für Pharmakovigilanz im BfArM leitet, die für Arzneimittelsicherheit und -überwachung zuständig ist. "Leider muss man vermuten, dass die Mehrzahl der Ärzte keine Nebenwirkungen meldet."