bedeckt München 32°

Kinderarmut in Deutschland:Der Leidensweg ist vorbestimmt

Die unterschätzte Seite der Armut: Chronische Krankheiten treffen Kinder aus sozial schwachen Familien besonders hart, weil sie oft kaum Unterstützung finden.

E. Schäffner und E. Landmann

Marcel ist Patient einer Kinderklinik in Hessen. Er ist acht Jahre alt und leidet an Diabetes. Das bedeutet, dass er zweimal am Tag Insulin spritzt und Mahlzeiten mit festgelegtem Kohlenhydratanteil zu sich nimmt, damit sein Blutzuckerwert normal bleibt. Marcel muss außerdem mehrmals täglich prüfen, ob sein Blutzucker im angestrebten Bereich liegt.

Es ist schlimm, wenn kranke Kinder keine Unterstützung von den Eltern bekommen.

(Foto: Foto: iStock)

Er piekst sich dazu in den Finger und misst im Blutstropfen mit einem kleinen Gerät den Blutzucker. Das Ergebnis erfordert mitunter, dass sofort reagiert wird - bei zu niedrigen Werten muss Marcel mehr Kohlenhydrate zu sich nehmen, bei zu hohen Werten muss er mehr Insulin spritzen. Der Achtjährige führt die Blutzuckerkontrollen und Insulingaben meist selbständig durch und weiß auch recht gut Bescheid, was bei Blutzuckerschwankungen zu tun ist.

Dennoch zeigen Marcels Blutwerte immer wieder, dass sein Diabetes schlecht eingestellt ist und er oft viel zu hohe Blutzuckerwerte hat. Während zu niedrige Blutzuckerwerte akut bedrohlich sind und zu Krampfanfällen und Koma führen können, erhöhen zu hohe Werte langfristig das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Augenschäden, bis hin zu Blindheit und Gefäßerkrankungen, die bis zur Amputation von Gliedmaßen führen können. Folgeerkrankungen, die schon im jungen Erwachsenenalter zur Invalidität führen können. Bei guter Blutzuckereinstellung hingegen treten diese Komplikationen seltener oder erst viel später auf.

Marcel fehlt die notwendige Unterstützung. Obwohl der Mutter die drohenden Komplikationen mehrfach eindrücklich erklärt wurden, erscheint Marcel zu ambulanten Terminen unregelmäßig, oft allein. Sein Diabetes-Tagebuch, in das alle Blutzuckerwerte eingetragen werden müssen, hat er bei Ambulanzterminen oft nicht dabei. Mehrfach ist es verloren gegangen.

Die unregelmäßig protokollierten Blutzuckerwerte liegen oft über 300 Milligramm pro Deziliter - eigentlich sollten sie nicht über 160 liegen. Mitunter sind gefährlich niedrige Werte dokumentiert. Warum, so wird die Mutter gefragt, nur so selten Werte aufgeschrieben wurden? Schulterzucken. Sie habe eben "auch nicht immer Lust, da hinterher zu sein". Seit zwei Tagen hätten sie im Übrigen keine Nadeln für die Blutzuckermessung mehr zu Hause, das Rezept dafür habe sie auch nicht finden können.

Zur SZ-Startseite