Kampagne gegen Magersucht:Schockierend schlank

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Fotograf Oliviero Toscani schockt Italien mit den Fotos einer ausgemergelten Frau. Die drastische Kampagne gegen Magersucht hat im Land heftige Diskussionen ausgelöst.

Stefan Ulrich

Oliviero Toscani wollte schockieren, und das ist ihm gelungen. Seine Werbefotos für die Modemarke "Nolita", die nun auf Doppelseiten der italienischen Tageszeitungen und von riesigen Plakaten in Rom und Mailand prangen, mögen Entsetzen, Mitleid, Abscheu, Beifall und Kritik erregen - eines aber lassen sie nicht: gleichgültig.

Kampagne gegen Magersucht

Das Bild der magersüchtigen Französin lässt eines nicht: gleichgültig.

(Foto: Foto: dpa)

Die Bilder des 65 Jahre alten Fotografen zeigen den nackten, blassen, ausgemergelten, von Schuppenflechte gepeinigten Körper einer jungen Frau. Ihre Rippen springen hervor, der greisenhafte Mund steht halb offen, die Wangen sind eingesunken, die großen blauen Augen starren verstört aus tiefen Höhlen. Toscani selbst vergleicht die Ausdruckskraft dieser Fotos mit dem Gemälde "Der Schrei" von Edvard Munch.

Die dargestellte junge Frau, die französische Schauspielerin Isabelle Caro, meint dazu: "Ich weiß, dass mein Körper abstößt. Aber die physischen und psychischen Leiden, die ich durchgestanden habe, geben nur einen Sinn, wenn sie denen helfen, die in die Falle geraten sind, aus der ich mich zu befreien versuche."

Kulturelle Krankkeit

"No Anorexia" steht auf den Plakaten. "Nein zur Magersucht." Caro leidet seit ihrer Kindheit unter dieser Krankheit. Heute ist sie 27 Jahre alt und 1,65 Meter groß. Ihr Gewicht, das zeitweise nur noch 25 Kilogramm betragen haben soll, hat sich bei 31 Kilo eingependelt. Auf ihrer Internet-Seite schreibt sie: "Ich habe für diese Kampagne in der Hoffnung posiert, dass die Jugendlichen auf die Gefahren dieser Krankheit reagieren."

Die Effekte der verstörenden Fotos - die pünktlich zur Mailänder Modewoche publiziert werden - sind in Italien umstritten. "Hier geht es um Werbung auf dem Rücken der Kranken", meint die Psychiatrie-Professorin Emilia Costa, die in der Großklinik Umberto I. in Rom das Zentrum für Ernährungs-Störungen leitet. Statt den Betroffenen zu helfen, könnten die Bilder einen Nachahmungseffekt bewirken.

Ähnlich argumentieren andere Gesundheits-Experten. Sie geben zu bedenken, solche Fotos hätten auf Magersüchtige eine andere Wirkung als auf Gesunde. "Was sagt sich ein magersüchtiges Mädchen angesichts solcher Bilder?", fragt etwa Fabiola De Clercq, die Präsidentin der gemeinnützigen Vereinigung Aba, die sich um solche Krankheiten kümmert. Dann gibt sie die Antwort: "Bei ihr (dem Mädchen auf dem Foto) sieht man zwölf Rippen, bei mir nur vier - also esse ich morgen noch weniger."

Modeschöpfer wie Giorgio Armani sowie die italienische Gesundheitsministerin Livia Turco befürworten dagegen die Kampagne der Marke "Nolita", für die das venezianische Bekleidungs-Unternehmen "Flash&Partners" mehr als fünf Millionen Euro aufwendet. Die Initiative wende sich an ein junges Publikum und sei geeignet, mehr Sensibilität für das "Drama der Magersucht" zu wecken, meint die Ministerin. Sie weiß, dass in Italien Krankheiten wie Bulimie, Fettleibigkeit oder eben Magersucht alarmierend zunehmen.

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