Interview mit Nadine de Rothschild "Schlagen Sie niemals die Beine übereinander"

SZ: Sie sind für Ihren Mann zum Judentum konvertiert. War das die Bedingung, damit er Sie heiratet?

de Rothschild: Das hört sich so negativ an. Ich wurde freiwillig Jüdin, nicht weil er es verlangt hat. Sondern um seine Wurzeln besser verstehen und um in der Jüdischen Gemeinde akzeptiert zu werden. Außerdem habe ich es für unseren Sohn Benjamin getan, um zu vermeiden, dass er mich eines Tages fragt: Du bist katholisch, Papa ist jüdisch und was bin ich? Er heißt schließlich Rothschild, das ist ein Symbol des Judaismus.

SZ: Wie war das, mit einem Rothschild zu leben?

de Rothschild: Mondän und turbulent, wir waren immer auf Reisen. Heute New York, morgen Paris, Israel, Australien oder Malibu. Plötzlich war ich die Herrin von 14 Häusern und hatte Personal. Alles musste makellos sein. Glauben Sie mir, ich arbeitete mehr als je zuvor. Es musste alles perfekt sein für meinen fordernden Mann. Edmond rief morgens an und sagte: Wir erwarten abends 20 Gäste. Da kann ich nicht sagen: Ich habe keine Zeit. Gastgeberin, das ist mein neuer Beruf geworden.

SZ: Es klingt eher nach einem Korsett. Haben Sie sich leicht formen lassen?

de Rothschild: Einfach war es keineswegs. Er hatte all diese Fehler, aber für mich waren es Qualitäten: Weil er mein Mann war. Man muss lügen können. Ich habe meinem Mann immer gesagt: Wir beide sind nicht gleich. Du bist der Meister. Trotzdem machte ich insgeheim, worauf ich Lust hatte. Jedoch nicht, indem ich es wie ein Schild vor mir hertrug oder auf den Tisch klopfte: Ich will Gleichheit! Sondern sanftmütig und freundlich. Mal ehrlich, würden Sie Ihr Leben gern einem mittellosen Monsieur verbringen?

SZ: Wo die Liebe hinfällt, das sucht man sich doch nicht aus!

de Rothschild: Wenn Ihr Verlobter in guter Situation plötzlich arbeitslos wird, dann bleiben Sie natürlich bei ihm. Das würde ich auch tun. Aber systematisch würde ich nicht nach so einem suchen, der es zu nichts gebracht hat. Womöglich war es doch kein Zufall, dass ich immer auf reiche Erben traf. Dazu stehe ich. Und unsere Ehe dauert immerhin fast 40 Jahre.

SZ: Haben Sie Ihr altes Dasein, Ihren Beruf, nie vermisst?

de Rothschild: Wenn man mit jemandem lebt, muss man Konzessionen machen. So wie auf der Arbeit mit seinem Chef. Da kann man auch nicht alles fordern. Das Leben mit einem Mann ist ein Kompromiss. Maria Callas, Romy Schneider, Jane Fonda ...Diese Frauen hatten große Lieben, aber sie waren unglücklich.

SZ: Sie kannten sich?

de Rothschild: Ich habe Romy Schneider häufig getroffen, wir machten gemeinsam Kuren in der Bretagne. Sie hatte einen wunderbaren Beruf und war berühmt. Aber die Männer sind gegangen. Romy hatte einen sehr hohen Anspruch an die Liebe und verlangte alles von einem Mann. Sie war kompromisslos. Wer will schon Monsieur Schneider sein? Ihre Liebhaber wollten die Frau, nicht das ganze Metier dazu. Was nützt einer Frau ihr Ruhm, wenn sie keinen Mann an ihrer Seite hat?

SZ: Die wenigsten kriegen alles.

de Rothschild: Ich war die Frau eines reichen Mannes und habe nie dieselben Fehler noch einmal gemacht. Das nennt man Erfahrung. Ich hatte das Glück, einige der mächtigsten Männer der Welt zu treffen. Ben Gurion, Schimon Peres, die französischen Präsidenten de Gaulle, Georges Pompidou. Was für große Momente. Ich plauderte beim Tee mit ihnen über die Liebe, ihre Zweifel und Empfindsamkeiten. Politik ist nicht mein Gebiet.

SZ: Sind Sie heute eine Persönlichkeit?

de Rothschild: Es geht darum, im Leben zu reüssieren. Ich habe Hebräisch gelernt und war eine Zeitlang sogar Präsidentin des Zionistischen Frauenkongresses. Mit meinem Mann habe ich mich um Stiftungen gekümmert und an der Versöhnung von Palästinensern und Israelis gearbeitet, vor allem im Gesundheitswesen. Das sind schon ein paar Tonnen Wasser auf den riesigen Stein. Aber ich bin nicht so mächtig wie Hillary Clinton. Diese Frau ist ein Ereignis. Phantastisch, wie sie sich während der Affäre ihrem Mann gegenüber verhalten hat. Ich hätte dasselbe getan.

SZ: Seit einem Jahr lehren Sie an einer Benimmschule in Genf: Züchten Sie eine künftige Elite?

de Rothschild: Ich war niemals Elite. Gute Manieren kann jeder lernen, wie man sich zu Tisch verhält, welche Rosen man seiner Verlobten schenkt und wie diese sich typgerecht schminkt. Das ist auch nicht sehr teuer. Was ich hier ausbilden möchte, ist eine Elite im Kopf, nicht die mit einem Diplom. Elite hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit Intelligenz. So etwas entsteht nicht an einem Tag, es sind die Erfahrungen von Jahren.

SZ: Was hat Ihr Sohn von Ihnen geerbt?

de Rothschild: Benjamin ist jetzt 44 Jahre alt und Vater von vier Mädchen. Er hat die Banken und die Geschäfte seines Vaters übernommen und das Vermögen sogar multipliziert. Er unterstützt großzügig Universitäten, Hospitäler, Stiftungen - und lebt zurückgezogen auf unserem Schloss Pregny, in der Nähe von Genf. Er scheut das Öffentliche, mag keine Werbung und keine Medien und schon gar nicht das mondäne Leben. Das hat er bestimmt nicht von mir! Dafür meinen Humor.

SZ: Kennen Sie die jüngere Generation der Rothschilds?

de Rothschild: Diese Familie trifft sich nur zu traurigen Anlässen, in guten Zeiten gehen wir uns aus dem Weg. Ich weiß, dass jemand wie David de Rothschild aus England die Welt verändern will. Er engagiert sich enorm für den Klimaschutz, weil das Geld ihm erlaubt, etwas für den Erdball zu tun. Er und die anderen stehen tief in der Tradition aller Rothschilds, sie gelten ja nicht umsonst als Philantrophen.

SZ: Einige Granden der Familie, wie der schillernde Bankier Guy de Rothschild sind unlängst gestorben. Fürchten Sie den Tod?

de Rothschild: Der alte Guy hat das Leben genossen, er veranstaltete legendäre Kostümbälle à la Proust und verließ Anfang der achtziger Jahre nach New York, als Mitterrand seine Banken verstaatlichte. Ich finde, alles ist wundervoll auf dieser Erde. Also muss es dort oben noch viel schöner sein. Man weiß, wie man lebt, aber man weiß nicht, wie man sterben wird. Ich denke nicht an den Tod und genieße das Jetzt. Ich bin nun mal eine krankhafte Optimistin.

SZ: Und wo auf der Welt sind Sie daheim?

de Rothschild: Ich lebe im Flugzeug. Und ich bin immer noch auf der Suche nach mir... Manchmal fühle ich mich einsam und wünsche mir jemanden, der mir überallhin folgt, in die subtilsten Sphären meines Lebens. So wie ich meinen Mann begleitet habe.

SZ: Bon courage.

de Rothschild: Merci. . . Sie würde ich gerne mal unter meine Fittiche nehmen!

SZ: Was würden Sie denn ändern?

de Rothschild: Sie müssten es wirklich wollen. Ich spüre, dass Sie sich dagegen wehren, ein anderer Typ zu werden, weil Sie es altmodisch finden. Aber es ist sinnlos.

Nadine Lhopitaliers Leben ist eine moderne Aschenputtel-Geschichte. Geboren in einem ärmlichen Vorort von Paris, schlägt sie sich früh mit Gelegenheitsjobs durch, wird das Model eines mondänen Malers und schafft es bis zum Starlet. Unter dem Pseudonym Nadine Tallier spielt sie zwischen 1952 und 1962 verschiedene Theater -und Filmrollen. 1963 heiratet sie einen der vermögendsten und einflussreichsten Männer Europas: Baron Edmond de Rothschild. Als Baronin spielt sie die Rolle ihres Lebens. Nadine de Rothschild konvertiert zum Judentum, setzte sich für den Erhalt Israels ein, leitete zeitweilig die Wizo, die internationale zionistische Organisation der Frauen. Sie gibt rauschende Feste, richtet Schlösser ein, betreibt ein riesiges Netzwerk an Kontakten - die sie noch immer pflegt. Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt der gemeinsame Sohn Benjamin die Geschäfte, er lebt heute mit seiner Familie auf Schloss Pregny, nahe Genf. Vor einem Jahr gründet die Baronin die Akademie Nadine de Rothschild. Dieses Jahr erschien in Frankreich ihr neues Buch: "Die Männer meines Lebens" (Verlag Albin Michel).