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Hilfe für Autisten:Der berechenbare Freund

Ein Roboter soll autistische Kinder aus ihrer Isolation befreien, hofft ein britischer Wissenschaftler. Denn "Kaspar" ist verlässlich und systematisch. Und Autisten brauchen Routine und Rituale.

Nie zuvor hatte Brian gespielt oder gesprochen. Meist stand er nur den ganzen Tag am Fenster in seiner Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten im englischen Hertfordshire und starrte hinaus. Bis zu dem Tag, an dem Ben Robins von der University of Hertfordshire Kaspar mitbrachte. Kaspar steht für Kinesics and Synchronisation in Personal Assistant Robotics.

(Foto: Foto: University of Hertfordshire)

Kaspar ist ein Roboter. Brian berührte ihn und schaute ihm interessiert ins künstliche Gesicht, wenn Kaspar etwa die Augen und den Mund öffnete, um Erstaunen zu zeigen. Mehr als die Augen zu bewegen und zu schließen, zu blinzeln oder Mund und Arme zu bewegen, kann der Roboter mit dem Gummi-Gesicht noch nicht.

Eine Woche nach Brians erster Begegnung mit Kaspar kam Ben Robins wieder. Dann geschah es: Brian legte einem anderen Kind die Hände auf die Schulter, das mit dem Roboter spielte. "Die Lehrer und ich waren total erstaunt. Das erste Mal überhaupt hat Brian Kontakt mit einem anderen Kind aufgenommen", sagt Robins.

Roboter als Mediator

Brians Wandlung könnte viele Ursache haben, sagt der Informatiker und Tanztherapeut Ben Robins, der Kaspar mitentwickelt hat. Doch die Geschichte macht ihm Mut: Roboter könnten als Mediatoren dienen, die autistische Kinder dazu bringen, gemeinsam zu spielen.

Erst bei 13 Kindern hat er unter Absprache mit Eltern und Erziehern den Roboter allmählich in ihre Spiele-Rituale eingeführt, und ohne systematische Studien lasse sich noch nicht sagen, ob die Methode funktioniere, sagt Robins.

Ein Allheilmittel könne sie ohnehin nicht sein. Viel zu unterschiedlich sind Autisten. Die Mehrzahl ist geistig behindert, andere sind extrem intelligent oder haben erstaunliche Begabungen. "Inselbegabte" rechnen so schnell wie Computer oder lernen ganze Lexika auswendig, können sich aber einfache Dinge wie Gesichter nicht merken. "Vielleicht hat Brians Verhalten mehr Bedeutung als wir glauben. Auf jeden Fall ist es wert, weiter daran zu forschen", sagt Robins.

"Computer ist die Sprache der Autisten."

Er arbeitet im Rahmen des IROMEC-Projekts, das die EU mit über zwei Millionen Euro fördert. Psychologen, Pädagogen, Informatiker und Robotikexperten aus fünf verschiedenen Ländern forschen daran, wie Kindern mit psychischen oder kognitiven Entwicklungsstörungen durch Roboter als Spielzeug geholfen werden kann.

Für autistische Kinder lässt sich die Idee mit den Worten des britischen Psychologen Tony Attwood wiedergeben: "Computer ist die Sprache der Autisten." Computer reagieren immer gleich, systematisch und berechenbar, genau wie Kaspar, der Roboter.

Optimal für Autisten, denn sie brauchen Routine und verlässliche Rituale, sonst schützen sie sich durch Isolation. Wenn Menschen ihren Gesichtsausdruck verändern und sich hinter feinsten Nuancen Stimmungen und Signale verbergen, ist das ein bedeutender Teil zwischenmenschlicher Kommunikation.

Doch für Autisten ist ein lächelnder Mund nichts als ein Spalt zwischen zwei rötlichen Hautabschnitten, in dem sich Zähne befinden. Ein Stirnrunzeln ist eine Sammlung von Hautfalten und ein Gesicht eine Flut von Details ohne zusammenhängende Bedeutung. Oft werden sie als "seelenblind" bezeichnet.

"Jeder von uns, der lernt, mit euch zu sprechen, jede von uns, die lernt, in eurer Gesellschaft zu funktionieren, jeder von uns, der die Hand ausstreckt, um eine Verbindung zu euch herzustellen, bewegt sich auf außerirdischem Territorium und nimmt Kontakt zu außerirdischen Wesen auf", schrieb Jim Sinclair, Autist und Leiter des "Autism Network International" in einem berühmt gewordenen Aufsatz.

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