Hayrünnisa Gül Weniger Kopftuch, mehr sexy

Modeschöpfer Atil Kutoglu wurde dazu auserkoren, der Frau des designierten Staatspräsidenten Abdullah Gül einen neuen Look zu verpassen - eine schwierige Aufgabe.

Von Anne Goebel

Modeschöpfer spielen mit dem schönen Schein und wollen Menschen attraktiver machen. Manchmal sogar mehr als das. Wenn ein Designer den Auftrag bekommt, jemandem einen nie dagewesenen Look zu verpassen, ist das die Königsklasse.

Hayrünnisa Gül: In den Kleiderschrank der künftigen first lady soll eine sachte Westorientierung Einzug halten.

(Foto: Foto: AFP)

Erfinde einen Menschen neu: Sowas ist für einen Couturier aufregender als alle Pariser Laufstegsaisons zusammen. Vor allem, wenn der Mensch berühmt und schwierig ist. Hayrünnisa Gül, die aller Voraussicht nach zur First Lady der Türkei avanciert, ist so jemand.

Die Frau des designierten Staatspräsidenten Abdullah Gül steht im Licht der Öffentlichkeit - gleichzeitig ist ihre strikt islamische Garderobe umstritten. Es wurde also ein Erneuerer auserkoren für die konservativen Gewänder und Kopftücher der Politikergattin: Atil Kutoglu, 1968 geboren in Istanbul, zuhause in Wien, erfolgreich auf internationalen Laufstegen.

Andere Kleider, weniger Kopftuch, dezente Westorientierung: Hayrünnisas Aschenputtelgeschichte auf Türkisch hätte Kutoglus Krönung werden sollen. Im Moment sieht es eher danach aus, als habe sich der umtriebige Jungdesigner mit dem Renommierauftrag verhoben.

"Sophia Loren-Style"

Beziehungsweise mit dem Profit, der sich daraus schlagen ließ. Atil Kutoglu hat ordentlich für Schlagzeilen gesorgt seit bekannt wurde, dass er den Kleiderschrank der designierten First Lady einer sachten Verjüngung unterziehen soll. Ansonsten ist der 39-Jährige durchaus für forsche Entwürfe bekannt, auf der "Fashion Week" in New York zeigt er regelmäßig Enganliegendes, viel Haut, tiefe Ausschnitte.

Kombiniert mit Anklängen an Muster und Schnitte der osmanischen Tradition, das gefiel nicht nur der New York Times. Im Fall von Frau Gül sollte es um dezentere Outfits gehen, um eine kleine Frischekur für das verhüllende Kopftuch - und es ist ja auch nicht verwunderlich, wenn ein Neuling der Branche, seit ein paar Jahren auf erfolgversprechendem Weg, mit seinem publicityträchtigen Coup nicht hinterm Berg hält. Etwas Tamtam gehört zum Geschäft.

Atil Kutoglu, der sich gern mit Supermodels fotografieren lässt und selbst meistens in Bluejeans auftritt, ließ also die Agentur Reuters wissen, er arbeite an einer "eleganten und modernen Garderobe für Frau Gül". Le Monde berichtete in ihrer Onlineausgabe vom "Hollywood-Glamour" aus Wien für die künftige Präsidentengattin, der Guardian brachte den "Sophia Loren style" ins Spiel als mögliche Variante für die ostwestliche Gratwanderung: Kopftuch ja, aber sexy.

Das war riskant, und womöglich haben Abbildungen wie die in der türkischen Zeitung Milliyet das Fass zum Überlaufen gebracht: La Loren, die schöne Italienerin, mit nur halb bedeckter Mähne und Katzenaugen-Blick. Daneben Hayrünnisa Gül in ihrem traditionellen "Türban", der ja den Laizisten in ihrem Land gerade so missfällt.

Die flotte Großmutter als Vorbild

Das fest gebundene Tuch bedeckt penibel Kopf, Hals, Haaransatz. Die streng religiöse Frau des umstrittenen Staatsoberhaupts als rassige Sophia? Vergangene Woche meldeten türkische Zeitungen unter Berufung auf einen Berater das Aus. Es gebe keinen neuen Stil und keinen offiziellen Auftrag.

Dass das Angebot aus Istanbul, wie konkret es gemeint gewesen sein mag, heikel war, muss Atil Kutoglu gewusst haben. Der Designer bezeichnet sich als Anhänger der Atatürkschen Hinwendung seines Landes zu Europa und führt als Vorbild gern seine flotte Großmutter an, die sich stets als selbstbewusste Frau ohne Kopftuch gezeigt habe.

Im Fall von Hayrünnisa Gül liegen die Dinge nun mal komplizierter. Sie hat aller Kritik zum Trotz am Türban festgehalten. Ihre Gegner werfen ihr genau das vor in den Tagen kurz vor der Wahl ihres Mannes zum Staatsoberhaupt. Da dürfte die Auskunftsfreudigkeit des Atil Kutoglu nicht zur Beruhigung der Lage beigetragen haben, wobei auch die Möglichkeit besteht, dass das Zurückrudern aus Istanbul nur ein taktisches Manöver war, bis die Wahl überstanden ist und die Gemüter beruhigt sind.

Der smarte Modemann jedenfalls, bei dem auch die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik hin und wieder einkauft und dessen bunte Seidentücher Catherine Zeta-Jones gefallen, plauderte über Anleihen an die Eleganz der Deneuve für den Gül-Stil, über "schmale Formen" und "sehr moderne Wickelweisen" der vieldiskutierten Kopfbedeckung.

Konkrete Details wurden kaum preisgegeben. Das große Aha ist in dieser Branche dem Moment vorbehalten, in dem die Trägerin neu eingekleidet ins Blitzlichtgewitter tritt. Womöglich kommt es dazu nicht. Atil Kutoglu ist schweigsam geworden. Kommentar seiner Agentin: "Im Moment ist Ruhepause."