Gewalt in Beziehungen Jugendlicher:Gewalt als Liebesbeweis

Jenny kommt aus einer glücklichen Familie, ihre Eltern sind seit über 20 Jahren verheiratet. Hätte sie ein zufriedenes Elternhaus nicht davor schützen müssen, selbst zum Opfer zu werden? Was Risikofaktoren betrifft, kommen die Forscher aus Fulda jedenfalls zu einem eindeutigen Ergebnis: "Vorher Gewalterfahrungen gemacht oder bezeugt zu haben, erhöht die Wahrscheinlichkeit, in der eigenen Beziehung Gewalt zu erleben", sagt Beate Blättner. Wenn also Schläge, Drohungen und Streit Familienalltag eines Jugendlichen sind, steigt für ihn das Risiko, dass die eigene Beziehung ähnlich aussieht. Und das ist oft erst der Anfang: "Studien zeigen: Frauen, die in einer Beziehung Opfer von Gewalt geworden sind, haben ein höheres Risiko, auch in Folgebeziehungen Opfer zu sein", sagt Blättner. "Wir müssen davon ausgehen, dass das auch für Jugendliche gilt."

Forscher nennen das: Chronifizierung von Gewalt. Man könnte sagen: Die erste große Liebe prägt. Ein Leben lang. Wer einmal einen Zusammenhang hergestellt hat zwischen Liebe und Gewalt, sieht Eifersucht und Drohungen als eine Art Liebesbeweis. Und glaubt, in einer Beziehung gebe es klare Rollen: den Schwachen und den Starken, nichts dazwischen. Wer einmal Opfer war, fühlt sich schwach. Und was läge da näher, als sich jemand Starken zum Anlehnen zu suchen?

Ein bisschen habe es sich angefühlt wie im Film, sagt Jenny. Nicht nur die erste Julia-Roberts-Ohrfeige und alle, die danach kommen sollten, sondern auch die Versöhnungen, die dazu gehörten. Da haben sie beide geweint und sich entschuldigt und lange fest gehalten. Auch das erste Mal miteinander geschlafen haben sie bei so einer Versöhnung. Mit ihren Freundinnen spricht sie erst, als sie ein blaues Auge erklären muss. Die halten das Ganze zunächst für einen Witz, schließlich sind zu diesem Zeitpunkt Jenny und der Junge schon mehr als ein Jahr zusammen, eine Ewigkeit in Teenager-Zeitrechnung. Jennys Eltern denken bis heute, dass sie damals im Sportunterricht ein Kletterseil ins Gesicht bekommen hat.

Vom Druck, eine Beziehung haben zu müssen

Über 80 Prozent der Jugendlichen, die laut Umfrage Gewalt erlebt haben, gaben an, ihre Beziehung nicht deswegen beenden zu wollen. Die wenigsten haben über ihre Probleme gesprochen, und wenn, dann nur mit Freunden und Freundinnen. "Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz: Eltern oder Geschwister", sagt Beate Blättner. Oft nämlich ist es so, dass die Eltern von Anfang an gegen den Partner waren - und zuzugeben, dass sie recht hatten mit ihren Warnungen, fällt schwer. Einem Lehrer oder Sozialarbeiter hat sich fast keiner der Befragten anvertraut.

"Präventiv muss mehr getan werden", sagt Blättner, "und wir müssen dabei berücksichtigen, dass die Freunde großen Einfluss haben." Denn die bestimmen darüber, wie eine Beziehung auszusehen hat. Ob es okay ist, die SMS des Partners zu kontrollieren, ob man mit 15 Sex haben muss, weil der andere das will. Und ob man wegen einer Ohrfeige Schluss machen darf. "Viele Jugendliche", sagt Blättner, "spüren den Druck, eine Beziehung haben zu müssen. Und zögern deswegen, sie zu beenden." Selbst dann noch, wenn sie die Folgen der Beziehungsgewalt spüren: Konzentrations- und Leistungsabfall, Essstörungen, Alkoholmissbrauch, suizidale Gedanken. In der Befragung haben etwa zehn Prozent der betroffenen Jugendlichen Aussagen wie dieser zugestimmt: "Ich habe manchmal das Gefühl, dass es besser wäre, wenn ich nicht mehr da wäre."

Psychologen sagen: Bei jemandem zu bleiben, der einen schlecht behandelt, hat oft nichts mit Liebe zu der Person zu tun. Sondern mit mangelnder Liebe zu sich selbst. Nur wer nach den eigenen Bedürfnissen fragt und feststellt, dass diese auch ohne Beziehung erfüllt werden können, nur, wer sich selbst wichtig nimmt, kann ausbrechen aus der Opferrolle.

Jenny hat inzwischen Schluss gemacht mit ihrer ersten großen Liebe. Nicht wegen der Schläge oder des blauen Auges. Sondern, weil er eine andere geküsst hat, auf einer Party. Ein Mädchen mit einem schwarzen Zopf bis zur Hüfte, sagt Jenny, an den Zopf könne sie sich am besten erinnern. "Da hab ich mir gedacht: Was hat der Typ eigentlich für ein Recht, das mit dir zu machen?" Sie hat ihm auf die Schulter getippt und: "ihm eine geknallt". Das erste und einzige Mal, vor allen. Dann hat sie sich umgedreht und ist gegangen. Ein bisschen wie im Film.

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