Geschichte des Trinkgeldes:Stimmt so!

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Höflich oder unmoralisch? Beim Bezahlen waren die Grenzen zur Bestechung immer schon fließend. Eine kleine Geschichte des Trinkgeldes.

Marion Lühe

Für Adolph Freiherr von Knigge war das Trinkgeld noch etwas Selbstverständliches. In seinem 1788 erschienenen Werk "Über den Umgang mit Menschen" erwähnt der adlige Bürger und Urvater aller Benimmfibeln es nur am Rande, als bewährtes Mittel, Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu räumen. Tatsächlich war es bereits seit dem Mittelalter in vielen europäischen Ländern üblich, die Leistungen von Boten, Handwerkern und Fuhrleuten mit einem Trinkgeld zu honorieren, wobei die Grenzen zur Bestechung immer schon fließend waren. Die Frage nach der Legitimität und den moralischen Folgen dieser Praxis kam indes erst in der Moderne auf, als die Gesellschaft sich im Umbruch befand und die Sicherheit der Standesexistenz brüchig erschien.

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Degradierte Kellner nach Ansicht von Kritikern zu Sklaven und zwang weibliche Bedienstete zur Prostitution: das Trinkgeld.

(Foto: Foto: ddp)

Der Massentourismus, der sich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts durchsetzte, brachte ganz neue Berufsfelder im Hotel- und Gaststättengewerbe hervor, für die Trinkgeld eine bedeutende Rolle spielte. In dem Maße, in dem das Reisen im Kaiserreich demokratischer wurde, entwickelte sich das Trinkgeld zu einem Mittel sozialer Distinktion, durch das sich selbst noch der Kleinbürger von den Unterschichten abgrenzen konnte. Zugleich wuchs aber auch die Verunsicherung: Reisende und Gäste fühlten sich zunehmend als Opfer eines geldgierigen Personals, das seinerseits wenig oder kaum festen Lohn erhielt und oftmals auf die freiwilligen Geldgaben der Gäste angewiesen war.

Zeitgenössische Kritiker erkannten im Trinkgeld ein Symbol für Entfremdung und Entmenschlichung der Arbeit, denn es förderte eine "knechtische Gesinnung", degradierte den Kellner zum Sklaven und zwang weibliche Bedienstete oftmals zur Prostitution. Die juristische und moralische Debatte über das Trinkgeld, das formal zwar freiwillig geleistet wurde, de facto inzwischen aber unausweichlich war, erreichte um 1900 einen ersten Höhepunkt und führte sogar zur Gründung einer bürgerlichen "Anti-Trinkgeld-Liga". Bis hinein in die Weimarer Zeit gab es eine Reihe von Gesetzesinitiativen zur Eindämmung des Trinkgeldes, die sich jedoch allesamt als unwirksam erwiesen.

Alle Verbote waren zwecklos

Die zahlreichen Reformversuche und hitzigen Diskussionen jener Zeit machen deutlich, dass es sich beim Trinkgeldgeben nicht bloß um den Austausch materieller Werte handelt. Vielmehr berührt dieses Ritual tiefere Fragen von gesellschaftlichem Status, Prestige und Ehre, wie der Gießener Historiker Winfried Speitkamp in seiner kurzweiligen Geschichte des Trinkgeldes vor Augen führt. Rational jedenfalls lässt sich kaum erklären, warum der homo oeconomicus gegen seine eigenen Interessen handelt und für eine bereits erbrachte Dienstleistung Geld zahlt - selbst wenn er den Empfänger niemals wiedersehen wird.

Die Beharrungskraft dieser international weit verbreiteten Sitte, die alle staatlichen Abschaffungsversuche - ob bürgerlichen, faschistischen oder sozialistischen Ursprungs - überlebte, erklärt sich wesentlich aus der Funktion des Trinkgeldes zur Abgrenzung und öffentlichen Inszenierung sozialer Rangordnung. Nicht umsonst galt das tipping in den Vereinigten Staaten, wo das Trinkgeldgeben bis zum Bürgerkrieg von 1861-65 gänzlich unüblich und Anfang des vergangenen Jahrhunderts in einigen Bundesstaaten sogar strafbar war, als antidemokratisch und "unamerikanisch".

Anhand eines reichen Quellenmaterials wirft Speitkamp ein Blick in die "Abgründe, die hinter dem Trinkgeld lauerten". Ausführlich lässt er neben juristischen Schriften auch Zeitzeugen zu Wort kommen, vom entnervten Reisenden Victor Hugo, der angesichts der Trinkgeldforderungen im Kölner Dom verzweifelte, bis zu prominenten Kritikern wie Upton Sinclair, der in den mehr oder weniger freiwilligen Geldzahlungen ein Sinnbild für Korruption und Dekadenz sah.

In der sozial durchmischten Mittelstandsgesellschaft, in der ein Kellner auch einmal mehr verdienen kann als der Gast, droht Trinkgeld seine sozial distinktive Kraft zu verlieren. Im Zeitalter der globalisierten Konsumgesellschaft haben sich vor allem die Reiseführer und Benimm-Ratgeber des Themas angenommen. Trinkgeld ist heute weniger eine Frage des Status als vielmehr der Etikette.

WINFRIED SPEITKAMP: Der Rest ist für Sie! Kleine Geschichte des Trinkgeldes. Reclam Verlag, Stuttgart 2008. 169 Seiten, 7,90 Euro.

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