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Geschichte des Kaufhauses:Paläste für den Kaufrausch

Alles unter einem Dach: Eine kurze Geschichte des Kaufhauses, das den Laufsteg der Mode demokratisiert hat

Mouret hatte nur eine einzige Leidenschaft: sich der Frau unterwerfen. Er wollte, dass sie in seinem Haus Herrscherin sei, er hatte ihr diesen Tempel erbaut, um sie dort in seiner Gewalt zu haben. Seine ganze Taktik bestand darin, sie mit galanten Aufmerksamkeiten zu benebeln, einen schimpflichen Handel mit ihren Begierden zu treiben, die Verwirrung ihrer Sinne auszunutzen."

Harrods

Harrods: Paradebeispiel eines Kaufrausch-Palastes

(Foto: Foto: AP)

So beschreibt Emile Zola den Kaufhausdirektor Octave Mouret, Protagonist seines Romans "Das Paradies der Damen". Der Roman, 1883 erschienen, war das erste literarische Werk, das sich dem damals neuen Phänomen des Kaufhauses widmete. Der Lebemann Mouret regiert über das "Paradies der Damen", ein neuartiges und prächtiges Pariser Warenhaus, das die Kunden verzaubert. Die Konkurrenz, die Einzelhändler mit ihren Spezialgeschäften, treibt es in Verzweiflung oder in den Ruin.

Aus der Perspektive der einfachen Verkäuferin Denise Baudu berichtet Zola beeindruckend bildreich vom Aufstieg der neuen Konsumtempel, von in Rauschzustände verfallenen Damen, deren Gier nach Neuheiten und Luxus unstillbar ist, vom Glamour der fein dekorierten Schaufenster, den großzügigen Verkaufsflächen und bequemen Aufzügen oder von Klatsch und Fehden in den Rayons, den einzelnen Abteilungen des Hauses. Das Kaufhaus erscheint in Zolas Roman wie ein erster Windstoß der Moderne, der das urbane Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durcheinanderwürfeln wird. Der Kaufhausdirektor, der große Lenker dieses neuen Unternehmens, wird zum universellen Verführer der Frauen: Wenn es ihm gelingt, die Damenwelt in verrückten Aufruhr zu versetzen, wird sich sein Haus ganz automatisch in eine Goldgrube verwandeln.

"Geile Straße des Handels"

Den Octave Mouret aus Zolas Roman gab es tatsächlich: Aristide Boucicaut hieß der innovative Unternehmer, der das revolutionäre Konzept des Kaufhauses erfunden hat. 1852 war Boucicaut Teilhaber im Bon Marché geworden, einem typischen kleinen Laden für Schnitt- und Kurzwaren im Pariser Quartier Latin. Schon bald krempelte er dort gehörig um: Für seine Produkte führte er feste Preise ein, von den Kunden verlangte er im Gegenzug Barzahlung. Bislang war das Feilschen fester Bestandteil jedes Einkaufs gewesen, bei dem der gesellschaftliche Stand des Käufers das Anfangsgebot bestimmte. Im Bon Marché dagegen zahlte nun jeder den gleichen Preis, der im Durchschnitt erheblich niedriger als bei den Konkurrenten lag. Um den Umsatz zu steigern, hatte Boucicaut seine Gewinnspanne von 40 auf 20 Prozent gesenkt. Im Wettkampf um Kunden arbeitete er auch mit augenscheinlichen Verlustgeschäften - als Lockmittel.

Davon erzählt auch Zola: In seinem Roman schildert er einen Disput zwischen Mouret und einem Rayonchef, der sich weigert, den Preis für eine edle Seide weiter zu reduzieren. "Wir werden ein paar Centimes an diesem Artikel verlieren, das gebe ich zu. Und weiter?", fragt der Direktor seinen Angestellten. "Es ist wohl ein großes Unglück, wenn wir alle Frauen anlocken und sie, verführt, toll gemacht von der Unmenge unserer Waren, uns auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind und, ohne zu rechnen, ihre Geldbörsen leeren! Die Hauptsache, mein Bester, ist, dass sie Feuer fangen, und dafür braucht man einen Artikel, der gefällt, der Aufsehen erregt."

Aristide Boucicaut brach auch mit dem Kaufzwang, der in den Magasins auf subtile Weise herrschte: Wer ein Geschäft betrat und sich beraten ließ, verpflichtete sich unausgesprochen zum Kauf. Bei Boucicaut wurde niemand zum Konsum gezwungen. Mehr noch: Der Unternehmer führte das Umtauschrecht ein. Was nicht gefiel, durfte wieder zurückgebracht werden. Die Pariser waren von den Innovationen begeistert und überrannten den Laden förmlich. Vom Erfolg befeuert, träumte Boucicaut davon, unter einem Dach Mode, Düfte, Haushaltswaren, Möbel, Lebensmittel und auch Literatur zu vertreiben. Für dieses Geschäft brauchte er Raum. 1869 begann er mit dem Bau des imposanten Warenhauses Au Bon Marché, für das Gustave Eiffel das Eisengerüst entwarf und das später einen kompletten Straßenblock füllen sollte. In diesem Haus hat Emile Zola recherchiert, als er "Das Paradies der Damen" schrieb.

Von Paris aus begibt sich das Kaufhaus auf seinen Siegeszug durch Europa und die Vereinigten Staaten. In London, Brüssel, Amsterdam, in Chicago und New York eröffnen neue Konsumpaläste. Macy's, Bloomingdales und Harrods erblicken die Welt. Die Größe der Häuser und die Anzahl der Mitarbeiter werden immer beachtlicher, genauso wie die Vielfalt der Waren zunimmt. Das Diktum "Alles unter einem Dach" wird zum Motor des Handels. Ein Witzbold kommt auf die Idee, bei Whiteley in London einen Elefanten zu bestellen, Lieferung bitte am selben Tag - und wird am Nachmittag prompt mit einem Exemplar des Dickhäuters überrascht.