Flucht:Mitgenommen

Shahram
(Foto: privat)

Wer flieht, muss viel zurücklassen. Hier zeigen Kinder und Jugendliche, was sie alles retten konnten. Diesmal: Zahid, 17, aus Kabul in Afghanistan mit einem Ring von seiner Mutter. Er lebt seit zwei Jahren in einem Ort bei Hamburg.

Protokoll: Kathrin Schwarze-Reiter

"Ich habe diesen Ring mit nach Deutschland gebracht. Eigentlich ist er nichts Besonderes. Diese grünen Edelsteine gibt es häufig in Afghanistan. Ich weiß gar nicht, wie der Stein heißt, er ist nicht wertvoll. Trotzdem bedeutet mir der Ring alles, weil er mich immer an meine Familie in Afghanistan erinnert. Mein großer Bruder hat ihn meiner Mutter zum Muttertag geschenkt - kurz bevor er ermordet wurde. Danach wurde es auch für mich gefährlich, ich musste meine Heimat verlassen. Als ich mich von meiner Mutter verabschiedet habe, war ich zwölf Jahre alt. Sie hat mir den Ring gegeben als Erinnerung an meine Familie - und den Totenschein meines Bruders als Beweis für die Gewalt, vor der ich fliehen musste. Es ist eine sehr gefährliche Reise und wirklich hart, so weit von zu Hause und der Familie weg zu sein. Trotzdem bin ich gegangen. Für eine Zukunft, in der ich sicher bin. Ich war fast drei Jahre unterwegs und habe lange in verschiedenen Flüchtlingscamps in Griechenland gelebt. Es war furchtbar dort: eng, dreckig, chaotisch. Ein Anwalt von einem Hilfsverein namens "Lean on us" hat mir dann geholfen, nach Deutschland zu kommen. Dort lebe ich jetzt in einer Unterkunft für geflüchtete Kinder und Jugendliche. An guten Tagen habe ich ein Zimmer für mich alleine. An schlechten muss ich es mit Menschen teilen, die ich nicht kenne. Dann kann ich nicht schlafen. Es erinnert mich zu sehr an die Zeit in den Camps. Gerade lerne ich Deutsch. Und dann? Ich weiß nicht. Wenn ich den Ring betrachte, steht er für mich für ein besseres Leben, das ich nun hoffentlich habe. Aber wieso fühlt es sich dann nicht besser an? Ich bin oft traurig und habe immer noch Angst. Deshalb will ich auch nicht, dass mein Gesicht und mein echter Name in der Zeitung stehen. Der Ring erinnert mich auch an die vielen Waisenkinder, die ich unterwegs gesehen habe. Und die vielen jungen Menschen, die sich ohne ihre Familie auf diesen Weg machen mussten. Und natürlich erinnert er mich an meine Mutter, die beide Söhne gehen lassen musste. Ab und zu hören wir uns, aber sie hat kein Handy, und es ist einfach schwierig, Kontakt zu halten."

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