bedeckt München

Drogen in der Medizin:Rausch auf Rezept

Cannabis, Ecstasy, Heroin und LSD - seit einigen Jahren behandeln Ärzte Patienten zunehmend mit Stoffen, die gewöhnlich nur an dunklen Ecken auf illegalem Weg zu bekommen sind.

Max Mayer braucht seine Medizin zweimal am Tag, sonst geht es ihm sehr schlecht. Er fängt an zu frieren, die Glieder schmerzen, seine Nase läuft, wenn er es nicht pünktlich in die Münchner Praxis schafft, wo er seine Diamorphin-Spritzen bekommt. Mit nach Hause darf der 46-jährige Max Meyer (Name geändert) das lindernde Präparat nicht nehmen, denn bei Diamorphin handelt sich um reines Heroin.

Ecstasy-Pillen gibt es in verschiedenen Varianten. Der Inhaltsstoff MDMA wird auch medizinisch verwendet.

(Foto: Foto: dpa)

Mayer ist einer von 300 Schwerstabhängigen in Deutschland, die Heroin legal und kontrolliert aus ärztlicher Hand bekommen. "Das ist eine anerkannte Methode, um Abhängigen zu helfen", sagt Gabriele Koller, Ärztin in der Münchner Praxis, in der Mayer seine Injektionen bekommt. Überdosierung, Infektionen und Beschaffungskriminalität beuge die regulierte Abgabe vor.

Mit Vehemenz warnen jedoch Kritiker des Modellprojekts davor, Drogen auf Rezept zu verschreiben. "Heroin bleibt ein Suchtmittel mit großen Risiken", sagt Maria Eichhorn, Drogenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Substanzen mit Missbrauchspotential dürften auch über eine medizinisch begründete Vergabe nicht leichtfertig vom Tabu befreit werden.

Doch eben dies findet längst statt, nicht nur durch die Abgabe von Heroin an Süchtige. Seit etwa zehn Jahren setzten Ärzte verstärkt solche Stoffe zur Therapie von Krankheiten ein, die gewöhnlich nur an dunklen Ecken auf illegalem Weg zu bekommen sind. Verbotene Stoffe wie Cannabis, Ecstasy und sogar das starke Halluzinogen LSD.

"Einige Mediziner sind bemüht, Substanzen zu rehabilitieren, die wegen Missbrauchs in Verruf geraten sind", beschreibt der Neurobiologe Bernd Fiebich vom Universitätsklinikum Freiburg den Trend.

So wie Tetrahydrocannabinol (THC), das Rauschgift der Haschischpflanze Cannabis sativa, auch indischer Hanf genannt. In der Naturmedizin ist Hanf seit Jahrtausenden als potentes Heilmittel bekannt. Da es aber seine berauschende Wirkung ist, die von vielen Menschen geschätzt wird, befindet sich das Kraut auf dem Index.

Doch nicht für alle: Aids- und Krebspatienten können sich THC seit einigen Jahren verschreiben lassen. Seine appetitanregende Wirkung hilft ihnen, gut zu essen, um bei Kräften zu bleiben. Auch bei Multipler Sklerose (MS) soll die Substanz helfen. Sie lindert sowohl Spastiken als auch Schmerzen, die bei dem Nervenleiden auftreten können. Auf der anderen Seite stehen medizinische Erkenntnisse, welche die Droge gefährlicher erscheinen lassen, als bisher.

"Kiffen ist nicht so harmlos, wie noch vor einigen Jahren angenommen wurde", sagt die Psychologin Eva Hoch von der Technischen Universität in Dresden, "wir sehen zahlreiche Konsumenten mit schwerwiegenden seelischen und geistigen Schäden." Laut einer kürzlich erschienen Studie im Fachblatt Lancet (Bd. 370, S. 319, 2007) erhöht regelmäßiger Cannabis-Konsum das Risiko, an eine Psychose zu entwickeln um 40 Prozent.

Es geht auch um die Rausch-Wirkung

Bernd Fiebich glaubt dennoch an die guten Eigenschaften des Hanfs. In Laborexperimenten wiesen er und seine Forschungsgruppe nach, dass das Extrakt der Pflanze Entzündungsstoffe im Blut reduziert. "Das Ergebnis deckt sich mit lange ausgeübten Praktiken", sagt der Forscher.

Tatsächlich behandelten chinesische Ärzte schon vor Jahrhunderten Leiden wie Malaria oder Gelenkschmerzen mit Hanf. Außerdem sei das berauschende THC dafür entbehrlich, sagt Fiebich: Andere Inhaltsstoffe der Pflanze bewirkten die Entzündungshemmung.

Geht es Medizinern beim Hanf auch gar nicht vornehmlich um seine Rausch-Wirkung, so werden andere Drogen durchaus gebraucht, um Patienten high zu machen - zu therapeutischen Zwecken natürlich. Der Amerikaner Michael Mithoefer von der Medical University of South Carolina gibt Personen mit posttraumatischer Belastungsstörung Methylendioxymethamphetamin (MDMA) - besser bekannt als Ecstasy.

Er will so herausfinden, ob sich etwa Veteranen des Irakkriegs mit Hilfe der Partydroge leichter vom Schrecken des Bombenterrors erholen. Diesen Ansatz finden andere Hirnforscher zwiespältig. Zwar sei der stimmungsaufhellende Effekt von MDMA "sehr positiv", wie der Psychologe Andy Parrott von der University of Wales in einem Übersichtsartikel schreibt (Psychopharmacology, Bd. 191, 2007), doch kippe dieser ins Gegenteil um, wenn die Droge abgesetzt werde.

Zudem sei unklar, wie sehr und wie lange MDMA die Denkfähigkeit des Patienten beeinträchtige. Mithoefer hält es hingegen für unverantwortlich, dass heilsame Potential der Substanz für psychisch Kranke ungenutzt zu lassen.

Ähnliche Meinungen kursieren auch wieder über Lysergsäurediäthylamid - kurz: LSD. Die kanadische Medizinhistorikerin Erika Dyck von der University of Alberta glaubt, dass sich das starke Halluzinogen dafür eignen könnte, Alkoholabhängige zu kurieren. Dyck nahm eine Studie aus den sechziger Jahren unter die Lupe, in der über 60 Prozent der so behandelten Trinker abstinent wurden.

Vor 40 Jahren glaubten Psychiater durch "Modellpsychosen", die sie mit der Droge auslösten, einen heilsamen Perspektivenwechsel bei Patienten zu erzeugen. Ob das tatsächlich funktioniert, blieb bis heute unbewiesen. Belegt ist hingegen, dass LSD mehr Menschen in die Psychiatrie gebracht hat, als aus ihr heraus. Manch einer geht auf einen Trip ohne Wiederkehr: LSD kann bleibende Psychosen auslösen.

Doch auch der mittlerweile 101-jährige Entdecker der Droge, Albert Hofmann, glaubt unbeirrt an ihren Nutzen. LSD löse Konventionen von Denken und Wahrnehmung auf, mit denen der Mensch innere und äußere Welt konstruiert.

Rausch auf Rezept

Dass es dies in bereits verschwindend geringen Dosen leistet, sei laut Hofmann ein Hinweis dafür, dass es zentral dort angreift, wo im Gehirn das Wesen des Menschen entstehe. Der Chemiker sieht in dieser Eigenschaft enorme Möglichkeiten für die Hirnforschung.

Offensichtlich sind es die gleichen wahrnehmungsfilternden Eigenschaften bestimmter Substanzen, die sie sowohl als Rauschmittel, als auch für die Behandlung von Krankheiten interessant machen. Dass aber ein Stoff - nämlich Heroin - seinen eigenen Missbrauch therapieren soll, ist dennoch ein besonderer Streitpunkt. Patienten wie Max Mayer bekommen das Gift schließlich gegen ein Leiden, das sie ohne dasselbe gar nicht hätten.

"Das stimmt nur oberflächlich betrachtet", sagt der Oberarzt des Münchner Heroinprojektes Oliver Pogarell. Es gebe zahlreiche wissenschaftliche Hinweise dafür, dass manche Personen mit einer Anlage zur Sucht auf die Welt kommen. Demzufolge haben sie den Drogenhunger schon, bevor die Droge sie findet. Außerdem bestünde eine praktische Notwendigkeit für das Projekt, wie Pogarell betont: "Es geht darum, Leute am Leben zu erhalten, damit man ihnen überhaupt helfen kann." Abstinenz sei grundsätzlich das Langzeitziel.

Offensichtliche Janusköpfigkeit bei Opiaten

"Zwischen Therapie und Missbrauch entscheidet die Absicht hinter dem Konsum, nicht die Substanz als solche", sagt Psychologin Eva Hoch. Besteht also der Belohneffekt der Droge darin, dass sie diffuse Betäubung und Ablenkung verschafft, entsteht eine andere Bedürftigkeit, als wenn sie gezielt Krankheitssymptome lindert. Frei von Suchtgefahr ist aber auch Letzteres nicht. Knapp zwei Millionen Deutsche sind abhängig von legal verschriebenen Medikamenten, meist Schmerz- und Beruhigungsmittel.

Die Janusköpfigkeit des Gebrauchs wahrnehmungsfilternder Stoffe ist bei Abkömmlingen des Opiums besonders offensichtlich: Einerseits ist das Opiat Heroin die illegale Droge mit dem höchsten Abhängigkeitspotential, andererseits ist das Opiat Morphium unverzichtbar für die Therapie starker Schmerzen und deshalb in der Medizin etabliert.

"Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille", sagt der Neurologe und Schmerzmediziner Peter Schwenkreis von der Ruhr Universität Bochum. Schmerzwahrnehmung und Psyche sind eng miteinander verschaltet. Eine Droge, die den Schmerz abschaltet, wirkt auch euphorisierend und umgekehrt. "Es gibt parallele Effekte, je nach der Stelle im Gehirn, wo die Substanz angreift", so Schwenkreis. Das Nervensystem unterscheidet offenbar nicht zwischen der Betäubung der Seele und der des Körpers. Entscheidend ist, was man draus macht.