Dolce & Gabbana "Ihr Westler redet immer von Menschenrechten"

Für dieses Video gab es eine offizielle Entschuldigung.

(Foto: D&G)

Eine Sinologin erklärt, warum eine Werbung von Dolce & Gabbana Chinesen aufregt.

Interview von Lea Deuber

SZ: Frau Shi-Kupfer, in dem Video, mit dem Dolce & Gabbana für eine riesige Modenschau in Shanghai werben wollten, versucht eine Chinesin, Pizza und Spaghetti mit Stäbchen zu essen. Verstehen Sie die Wut vieler Chinesen?

Shi-Kupfer: Ich frage mich schon, was man sich bei Dolce & Gabbana gedacht hat. Das Video vermittelt den Eindruck, Chinesen könnten keine Pizza essen, weil sie ihre kulturellen Gewohnheiten auf alles andere projizieren müssen. Das wird durch das traditionelle Ambiente noch verstärkt. Die ihrer Kleidung nach wohlhabende Chinesin sollte vielleicht witzig und selbstbewusst wirken, aber durch die sehr stilisierte Kleidung und Gestik kommt sie auch etwas dümmlich und arrogant rüber.

Viele Händler haben die Marke aus dem Sortiment genommen. Vor Geschäften gab es Proteste. Die Modenschau musste abgesagt werden. Boykottaufrufe sind in China nicht selten. Zuletzt traf es Ikea, H&M, KFC und Apple. Wie kommt das?

Die Proteste spielen sich vor allem in den sozialen Netzwerken ab. Es gibt unterschiedliche Motive für Unmut. Manche Chinesen haben das Gefühl, dass westliche Unternehmen, und generell auch "der Westen", China ausnutzen und versuchen, das Land klein zu halten und gleichzeitig ihre Kultur nicht ernst nehmen. Das geht einher mit Patriotismus und Stolz auf die chinesischen Errungenschaften. Dann gibt es die Kapitalismuskritiker. Sie werfen den Firmen vor, der Volksrepublik geschadet zu haben, indem sie Korruption, Ungleichheit, die Kommerzialisierung der Gesellschaft und den Werteverlust nach China gebracht beziehungsweise verstärkt haben. Eine dritte Gruppe, ebenfalls nationalistische Fraktion, nutzt solche Anlässe, um ihren generellen Frust rauszulassen.

Worüber zum Beispiel?

Etwa über die eigene Lebenssituation oder auch die Politik der Regierung. Sie wissen, dass Protestdiskussionen, die sich gegen den Westen richten, in der Regel nicht so stark zensiert werden.

Chinas Regierung hält sich bei solchen Konflikten eher zurück. Die Staatszeitung Global Times schreibt, Patriotismus müsse besonnen vorgetragen werden. Warum tritt die Regierung auf die Bremse?

Das hat vor allem mit der zweiten und dritten Gruppe zu tun. Die Regierung weiß, dass das keine Parteipatrioten sind. Es schwingt immer auch Unzufriedenheit gegenüber der chinesischen Regierung mit.

Bei einem anderen Fall hat die Regierung aber sehr deutlich Position bezogen. In Schweden hatten chinesische Touristen ihr Zimmer auf den falschen Tag gebucht. Als sie in der Lobby schlafen wollten, rief das Hotel die Polizei. China warf Schweden Menschenrechtsverletzung vor.

Debatten über Vorfälle im Ausland kann die Regierung besser kontrollieren, so in die Richtung: Also, ihr Westler redet immer von Menschenrechten. Aber haltet ihr diese selbst ein, wenn ihr unsere Bürger so behandelt? Die Regierung versucht dies zu nutzen, um der Menschenrechtsfrage, die sich sonst um China dreht, international eine andere Dynamik zu geben.

Daimler wiederum hat eine Anzeige auf Instagram gelöscht, weil darauf ein Zitat des Dalai Lama zu lesen war. Die Firmenzentrale reagierte, bevor es einen Shitstorm in China gab. Nimmt der vorauseilende Gehorsam westlicher Firmen zu?

Für viele internationale Firmen, besonders für die deutsche Autoindustrie, ist China ein sehr wichtiger Markt. Deshalb ist auch die Bereitschaft enorm, Forderungen Pekings nachzukommen. Der Fall war besonders absurd: Es hieß, die Werbung habe die Gefühle der chinesischen Bevölkerung verletzt. Dabei ist Instagram in China blockiert. Kaum jemand hat es dort mitbekommen. Klar ist, dass die chinesische Regierung dieses Druckmittel nutzt, um unliebsame politische Themen von der Agenda zu verdrängen. Ähnlich verhält es sich mit der chinesischen Forderung an internationale Hotelketten und Fluggesellschaften, Taiwan "chinesisch Taipeh" oder "China, Taiwan" zu nennen, was die meisten ja auch gemacht haben.

Im Fall von Dolce & Gabbana ging es nicht nur um verletzten Nationalstolz. Die Chinesen warfen der Firma Rassismus vor. Ist Rassismus auch innerhalb Chinas ein Problem?

Es gibt einen Diskurs, der wird nach meiner Erfahrung allerdings nicht in der breiten Bevölkerung geführt. Lange Zeit hat man Europäer und Nordamerikaner in China sehr hofiert und idealisiert. Das wird zunehmend hinterfragt. Ebenso wie das rassistische Verhalten vieler Chinesen gegenüber Indern, Japanern oder Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Abwertende Bezeichnungen für diese Gruppen sind in China zwar noch weit verbreitet. Doch auch hier wächst das Bewusstsein langsam: Zuletzt gab es Debatten in sozialen Medien über einen chinesischen Werbespot, bei dem ein Mann mit schwarzer Hautfarbe in eine Waschmaschine gesteckt wurde und mit weißer Haut wieder herauskam.

Und wie nehmen die Chinesen ihre eigene Kultur wahr?

Was diese ausmacht, und welchen Einfluss die chinesische Tradition heute noch auf die moderne Gesellschaft hat oder haben sollte, das ist eine Frage, die gerade in der breiten Bevölkerung diskutiert wird.

Denken Sie, Dolce & Gabbana können in China wieder auf die Beine kommen?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Auch andere Boykottaufrufe waren in China schnell wieder vergessen.