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Demenz:"Wäre einfacher, wenn man wenigstens einen Grabstein hätte"

Marianne schneidet Zeitungsartikel aus, "Toter im Teltowkanal gefunden", liest sie da, " Unbekannte Leiche in U-Bahn-Schacht". Könnte er das sein, ihr Wolfgang? Sie schämt sich, wenn sie bei der Polizei anruft und nachfragt. Doch wann gibt man einen geliebten Menschen auf? Alle paar Wochen fährt Marianne nach Hamburg. Sie müsse etwas tun, könne nicht einfach in ihrem Haus in Berlin sitzen, sagt sie. In Hamburg, wo er verschwand, fühlt sie sich Wolfgang näher.

Sohn Jens sagt: "Es wäre einfacher, wenn man wenigstens einen Grabstein hätte." Kurz nach dem Verschwinden seines Vaters zog er wieder zu Hause ein. Er könne seine Mutter nicht alleinlassen, sagt er.

Tochter Heike sagt: "Ich ärgere mich wirklich für solche Gedanken, aber ich denke, es wäre besser, wenn er nicht mehr leben würde. Wenn er wiederkommt, wird Mutti sich jeden Tag um ihn kümmern. Das möchte ich nicht mehr."

Ehefrau Marianne will das alles nicht hören. " Solange er nicht gefunden wurde, ist er für mich nicht tot", sagt sie immer wieder.

Sieht sie in dieser Zeit einen Obdachlosen, blickt sie ihm lange ins Gesicht. Manchmal läuft sie ihm hinterher. Sie weiß doch nicht, wie Wolfgang heute aussehen würde. Sie weiß nur: Sie ist es, die ihn erkennen muss; er würde sich inzwischen nicht mehr an sie erinnern. Sie wünscht sich ein Phantombild, doch die Polizei hat die Suche eingestellt.

Seit dem 18. Juni trägt Marianne keine Farbe mehr

Marianne hat deswegen ihre eigene Akte eröffnet, einen Ordner mit Zeitungsausschnitten, Gutachten, alten Fahndungsplakaten. Sie sammelt jeden Parkschein, den sie auf der Suche löst. Notiert die Deutschen Botschaften, die sie angeschrieben hat. Sogar Bosnien und Herzegowina, Weißrussland, Liechtenstein.

In ihrem Haus in Berlin ist Wolfgangs Bett frisch bezogen, im Badezimmer steht eine neue Zahnbürste im Becher. "Er kam doch immer zurück", sagt sie.

Wolfgang ist gut 280 Tage verschwunden, es ist Ende März 2014, da nimmt Marianne die Winterjacke und die lange Unterhose aus der Kiste im Kofferraum. Sie legt ein kurzärmliges Hemd hinein.

Wer Marianne in diesen Tagen trifft, begegnet einer zerbrechlichen Frau. Sie zappelt mit den Fingern, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ihre Augen wirken müde, erschöpft. Die Haare, die sie früher rot, blond, einmal sogar blau getönt hat, sind inzwischen weiß. Seit dem 18. Juni trägt Marianne keine Farbe mehr.

Im April hat sie die ersten Findlinge aus dem Vorgarten an die Nachbarn verschenkt. Sie spricht darüber, das große Haus zu verkaufen. Noch einmal fährt sie nach Hamburg. Nicht um Plakate aufzuhängen. Das hat sie aufgegeben. Sie sitzt als Gast in der Sendung " Markus Lanz" und hofft, dass ein Zuschauer ihren Mann erkennt. Als Lanz sie fragt, wer außer ihr noch an Wolfgangs Rückkehr glaube, antwortet Marianne: " Keiner." Dann bricht sie in Tränen aus.

Vielleicht hatte er vergessen, wie man schwimmt

Am 22. April klopft es an der Tür. 308 Tage nachdem ihr Mann aus dem Auto stieg und verschwand, stehen zwei Kripo-Beamte vor Marianne. Wolfgang Heuer ist tot, Hafenarbeiter haben seine Leiche im Schlick des Tiedekanals gefunden. Acht Kilometer vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, wo er verschwand.

Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass er kurz nach seinem Verschwinden ins Wasser gefallen sein muss. Vielleicht war die Strömung zu stark und er zu geschwächt. Vielleicht hatte er vergessen, wie man schwimmt. Marianne wird es niemals erfahren. Wenn man sie fragt, ob sie nun Abschied nehmen kann, sagt sie: " Irgendwie will ich nicht glauben, dass er nun weg ist. Mein Verstand sagt zwar, dass es so ist. Aber mein Herz sagt etwas anderes."

Wolfgangs Leichnam wird in Hamburg verbrannt, die Urne mit der Post zum Bestattungsunternehmen nach Berlin geschickt. Marianne darf ihn nicht selbst abholen. " Was, wenn er auf dem Weg verloren geht?", fragt sie sich. Sie hat einen Platz ausgesucht, auf dem ihr Mann beerdigt wird, in einem Friedwald in Bernau bei Berlin. Sie möchte einen kleinen Findling aus dem Vorgarten mitnehmen und ihn auf das Grab legen. In der Todesanzeige wird kein Datum stehen, nur "Wolfgang Heuer, geboren 1944, gestorben 2013".

Levi

Sarah Levy arbeitete während des Studiums vier Jahre beim Fernsehen, bis sie endlich zum Schreiben fand. Seitdem war sie für Redaktionen in Frankfurt, Mannheim, Berlin und Hamburg als Reporterin unterwegs. Bis Dezember 2014 besucht sie die Henri-Nannen-Journalistenschule.

Christopher Piltz schrieb schon vor dem Abitur für die Lokalzeitung. Nach dem Politik- und VWL-Studium in Göttingen ging er 2013 an die Henri-Nannen-Journalistenschule. Sein Schwerpunkt sind Sozialreportagen und Bildungsthemen.

Der Reportagepreis für junge Journalisten 2014 wird verliehen in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Netzwerk JungeJournalisten.de. Die Jury begründet ihre Entscheidung folgendermaßen:

Sarah Levy und Christopher Piltz begeben sich mit ihrer Reportage "Das letzte Verschwinden des Wolfgang Heuer" auf Spurensuche nach einem menschlichen Schicksal. Ein demenzkranker Mann verschwindet plötzlich und spurlos, er wird verschluckt von der Großstadt. Die beiden Autoren erzählen diese Begebenheit mit einer Spannung, die nicht durch Superlative getragen wird, sondern durch das Thema selbst. Sarah Levy und Christopher Piltz bewahren einen lakonischen Tonfall und tappen nicht in die Pathos-Falle. Ihre Reportage stellt einen originellen thematischen Ansatz für das Thema Demenz dar, denn diese Geschichte spielt mitten im Leben. Zugleich gelingt Sarah Levy und Christopher Piltz durch eine facettenreiche Erzählweise der tiefe Einblick in eine Ehe, die lange nicht erfüllend war und schließlich in einem Drama endet.