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Demenz:Wolfgang begann, ständig sein Portemonnaie zu vergessen

Marianne liebt Tanzen und die Rolling Stones. Auf Ausflugsfahrten in den Spreewald trinkt sie Prosecco. Mit Freundinnen reist sie nach Dubai und Israel; ruft jemand auf ihrem Handy an, erklingt "I can't get no satisfaction". Sie freute sich auf Wolfgangs Rente. "Dann wollten wir Deutschland kennenlernen. Nur wir beide. Erfurt, Dresden. Mit Theaterbesuchen, wie alte Leute das machen. Das war mein Traum vom Alter."

Ein Traum, der nie in Erfüllung gehen sollte. Wolfgang begann, ständig sein Portemonnaie zu vergessen, da war er 56 Jahre alt. Wenig später stahl er plötzlich Uhren vom Flohmarkt und band sich bis zu zehn Stück um die Arme. Seine Familie musste mitansehen, wie er sich an heißem Tee verbrühte und die Tasse trotzdem wieder ansetzte. "Er konnte nicht realisieren, dass der Tee heiß ist", erinnert sich Marianne. "Ein Kleinkind würde kein zweites Mal etwas Heißes trinken."

Doch nicht nur für sich selbst wurde Wolfgang zur Gefahr. Viel zu schnell fuhr er mit dem Auto durch die Nachbarschaft, seine Tochter Heike auf dem Beifahrersitz. Sie schrie panisch: "Halt an, halt an!" Daraufhin nahm ihm seine Frau den Autoschlüssel ab und versteckte den Wagen in der Garage eines Bekannten.

Auf die Frage nach dem Namen der Tochter konnte er keine Antwort geben

2010 ließ Marianne ihren Mann entmündigen. Zu dieser Zeit suchte Wolfgang häufiger nach Worten. Schließlich zeigte er nur noch auf Dinge, die er haben wollte. Ein Psychiater besuchte die Familie und notierte: "Herr H. war zu Auskünften bereit und bestätigte seinen Namen, er erkannte auch seine Ehefrau, konnte aber ihren Namen nicht benennen. In diesem Augenblick betrat die Tochter das Elternhaus, er wurde von der Ehefrau darauf hingewiesen, dass dies seine Tochter sei. Herr H. zuckte die Schultern. Auf die Frage nach dem Namen der Tochter konnte er keine Antwort geben."

Wenn Wolfgang zur Toilette musste, stand er nur da und zog an seinem Reißverschluss. Marianne sagte dann: " Ich muss auf die Toilette, komm mal eben mit." Sie arbeitete mit Tricks, um ihn nicht zu drängen. " Wenn ich ungeduldig war, wurde er aggressiv."

Beim Anziehen reichte ihm seine Frau erst die Unterhose, dann die Jeans. Half sie ihm nicht, zog er sich sechs Pullover über oder rannte im Schlafanzug aus dem Haus. Wenn sie ihn so fand, lachte Marianne und holte den Fotoapparat. "Man muss halt auch aus einer blöden Situation eine lustige machen", sagt sie, wenn sie sich heute über die Bilder auf ihrem Küchentisch beugt.

Was fühlt man, wenn der eigene Mann zum Kleinkind wird? "Manchmal war ich genervt und sauer", sagt Marianne. "Aber das passierte ja alles nicht von heute auf morgen. Das machte man eben mit. Er konnte nichts dafür, er hatte es sich ja nicht ausgesucht." Aus der Ehefrau wurde eine Pflegerin im 24-Stunden-Dienst. Für ihre Tochter Heike, 24 Jahre, war das schwer anzusehen. "Ich hatte grundsätzlich das Gefühl: Es bringt nichts mehr. Meine Mutter war fertig mit den Nerven." Oft sah sie Marianne am Küchentisch weinen.

Je kränker er wurde, desto öfter lief Wolfgang weg

Tagsüber lief Wolfgang rastlos durch die Nachbarschaft in Berlin-Lübars. "Ich hab ihn in Berlin laufen lassen, weil ich dachte, er kommt immer wieder", sagt Marianne. Sie stellte ihrem Mann Milch und Kekse auf eine Bank im Vorgarten. Abends lockte sie ihn mit dem Geruch gedünsteter Zwiebeln aus dem Garten zurück ins Haus. Nachts ließ Wolfgang die elektrischen Jalousien auf- und abfahren, rüttelte an Türen. Je kränker er wurde, desto öfter lief Wolfgang weg. Nach einer Untersuchung irrte er fünf Tage im offenen Krankenhaushemd durch Berlin. Ein anderes Mal verschwand er von einem Konzert in der Wuhlheide und lief 25 Kilometer zu Fuß nach Hause.

Marianne nähte ihrem Mann Namensschilder in die Kleidung. Nachts riegelten die Heuers das Haus ab, 24 Schlüssel für Terrasse, Türen, Fenster. Von den Türen schraubten sie die Griffe ab.

"Das war nicht mehr mein Vater. Von dem hatte ich mich da schon verabschiedet", sagt sein Sohn Jens, 28.

Am Ende gab es nur noch den Blick, mit dem Wolfgang nach seinem Verschwinden in Hamburg von tausenden Plakaten schaut. Weit in die Ferne, ein endloses Starren. Die Augen wirken matt, die Mundwinkel hängen. 5000 Plakate hat Marianne seit seinem Verschwinden im Juni 2013 in Hamburg aufgehängt. "An Demenz erkrankter Wolfgang Heuer vermisst", steht darauf, dazu ein Bild von Wolfgang und ihre Telefonnummer. Marianne hat die Plakate in Klarsichtfolien gesteckt und mit Tesafilm an Ampelmasten geklebt. "Ich dachte immer, da kommt ein Anruf: Hallo, Wolfgang Heuer steht neben mir." Doch das Telefon bleibt stumm, nie gibt es auch nur die kleinste Spur von ihrem Mann.