bedeckt München 29°

Das etwas andere Magazin:Die Welt mit fremden Augen

Bei den wöchentlichen Redaktionskonferenzen in Bonn besprechen die zwölf Autoren die Themen für die nächsten Ausgaben. Etwa 40 Fernkorrespondenten aus dem deutschsprachigen Raum und den USA steuern ihre Ideen bei, sie schicken ihre Texte per E-Mail. De Bragança ist das einzige Redaktionsmitglied ohne Down-Syndrom. Assistenten ohne Behinderung stehen den Autoren zur Seite. Aber die meisten schreiben selbst, per Hand oder mit dem Computer.

Katja de Bragança Ohrenkuss Magazin

Die Humangenetikerin Katja de Bragança hat dem Labor den Rücken gekehrt: Seit zehn Jahren ist die 49-Jährige Chefredakteurin beim Bonner Magazin "Ohrenkuss".

(Foto: Foto: Thekla Ehling)

Ältere Redaktionsmitglieder, die das Schreiben nicht gelernt haben, diktieren ihre Texte. "Dazu braucht man Geduld", sagt die Halb-Inderin, die sich als Vermittlerin zwischen beiden Welten sieht. Menschen mit Down-Syndrom brauchen etwas länger, um ihre Gedanken zu formulieren. Lyrisches Talent müssen die Ohrenkuss-Schreiber trotzdem haben. "Wenn die Texte nicht gut genug sind, sage ich das den Autoren auch", sagt de Bragança. "Sie müssen das ordentlich machen, das verlange ich von ihnen. Zur Not sitzen wir auch mal länger dran."

Die Inspirationen holen sich die Schreiber bei gemeinsamen Ausflügen. Sie besuchen Museen und lassen sich erklären, was dort ausgestellt wird. Aber nicht von der Museums-Pädagogin: "Das ist ihnen zu langweilig", sagt de Bragança. Sie wollen mit jemandem sprechen, der einen direkten Kontakt hat, zum Beispiel einem Forscher, der sich selbst für eine Sache begeistert. "Meine Kollegen fahren total auf Besessenheit ab", sagt de Bragança. "Wenn ihre Sinne angesprochen werden, geht bei ihnen ein Zaubertürchen auf."

Ein Zaubertürchen hat sich auch geöffnet, als das Team vor drei Jahren in die Mongolei gereist ist - um zu sehen, wie Mongolen aussehen. Schließlich hören Menschen mit Trisomie 21 immer wieder das Wort "Mongo". Auf ihrer Reise lebten die Autoren ein Jurten, schossen mit Pfeil und Bogen. "Das war für sie unendlich inspirierend", sagt de Bragança. Mit einem 180 Seiten starken Logbuch kamen sie zurück. Im Themenheft "Mongolei" sind diese Eindrücke nachzulesen.

Nun ist zum zehnjährigen Jubiläum ein Wörterbuch erschienen. Die schönsten Erklärungen aus zwanzig Ohrenkuss-Heften sind darin zusammengefasst, von ABC bis Zuhause. Dazwischen Fotos, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Entstanden ist ein liebevoll und anspruchsvoll gestaltetes Buch, das man sich zum Spaß kauft, und nicht um ein gutes Werk zu tun. Spätestens damit hat die Chefredakteurin das geschafft, was sie sich vorgenommen hat: Sie hat die gängige Meinung verändert. Heute kann niemand mehr behaupten, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht schreiben können.

Das Buch ist im Eigenverlag erschienen. Es ist auf der Internetseite von Ohrenkuss erhältlich und kostet 29,50 Euro.