Das etwas andere Magazin Die Welt mit fremden Augen

Seit zehn Jahren schreiben Menschen mit Down-Syndrom für das Lifestyle-Magazin Ohrenkuss. Die Texte eröffnen eine ganz besondere Sicht auf die Welt.

Von Ulrike Bretz

Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen. Und "eine Kakerlake ist ein rotes Tier der aussieht Hummer". Und ein Schwitzkasten? "Koff runter Arm drum Der Kopf wird. Heis." So erklären die Autoren des Lifestyle-Magazins Ohrenkuss die Welt. Es ist ihre eigene Welt, und sie unterscheidet sich von der Welt der meisten Menschen: Die Ohrenkuss-Autoren sind Menschen mit Down-Syndrom. In den bunten Heften schreiben sie darüber, wie sie die Dinge sehen. Es sind Sätze wie aus einer anderen Welt, zu der eben auch ein paar Rechtschreibfehler gehören.

Beim Magazin "Ohrenkuss" tritt das Down-Syndrom in den Hintergrund. Für das Themenheft Mode schlüpften die Autoren in die Rolle von Fotomodellen. Hier: Angela Fritzen.

(Foto: Foto: Mathias Bothor, Ohrenkuss)

In diesem Jahr feiert Ohrenkuss den zehnten Geburtstag. Angefangen hat es mit einem wissenschafltichem Projekt. Die Humangenetikerin Katja de Bragança hatte von einer Ausschreibung der Volkswagen-Stiftung gehört. Das Thema: Das Fremde und das Eigene. "Menschen mit Down-Syndrom sind ein bisschen wie Fremde in unserem Land", sagt de Bragança. "Man starrt sie an, als wären sie kurdische Hausfrauen. Man begegnet ihnen mit Ahnungslosigkeit und jeder Menge Phantasie."

Auch die Biologin hatte zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit Menschen mit Down-Syndrom zu tun. An der Universität hatte sie jahrzehntealte Schwarzweißfotos gezeigt bekommen, darauf Menschen mit Down-Syndrom, in Unterwäsche, vor einer gekachelten Wand nebst Messlatte. Dazu ein paar vermeintliche Fakten über Trisomie 21. Einer davon: Diese Menschen können nicht lesen und schreiben. "Es ist wirklich peinlich - aber ich habe das geglaubt", sagt de Bragança, "viel zu lange. Die späte Erkenntnis, dass sie doch schreiben können, war traumhaft."

Bei dem Forschungsprojekt, mit dem sie sich bei der Volkswagen-Stiftung bewarb, ging es dann genau darum: Zu sehen, ob sich die gängige Lehrmeinung ändern lässt. 1998 entstand das erste Ohrenkuss-Heft, zum Thema Liebe. Für das Layout ist eine Grafikerin zuständig, gedruckt wird auf hochwertigem Papier - de Bragança will nichts Selbstgestricktes. "Es gibt schon zu viele schlecht gemachte Broschüren, in denen die Menschen rote Kaninchenaugen haben", sagt sie.

Ohrenkuss ist ein professionelles Magazin. Ein Magazin, bei dem es nicht um das Down-Syndrom geht, sondern um Themen, die jeden interessieren: Liebe, Mode, Essen, Frau und Mann, Gut und Böse, Nacht. "Wir sind keine Selbsthilfegruppe", sagt die Chefredakteurin, "und wir machen keine Schreibtherapie. Meine Kollegen würden sich das verbitten." Die Wissenschaftlerin will das Down-Syndrom nicht verleugnen - "aber es muss ja nicht das Erste sein, was andere Menschen wahrnehmen. Einem Diabetiker sieht man ja auch nichts an."

Nach zwei Jahren Ohrenkuss war das wissenschaftliche Projekt beendet - und de Bragança entschied sich dafür, nicht ins Forschungslabor zurückzukehren. 160 Abonnenten zählte das Magazin zu diesem Zeitpunkt. Ein knappes Jahr später waren es 1000. Heute beziehen 3000 Abonnenten das Heft, das zweimal im Jahr erscheint. Die wenigstens sind selbst in irgendeiner Weise vom Down-Syndrom betroffen. Es sind Ärzte, Gynäkologen, Lehrer, Fotografen und Grafiker, die sich das Lifestyle-Heft schicken lassen.

Das Magazin finanziert sich selbst - de Bragança verzichtet auf Werbung, aus ästhetischen Gründen. Das Geld kommt allein über die verkauften Hefte. Ein Verein ist Ohrenkuss nicht. "Wir wollen keinen Mitleidsbonus", sagt de Bragança. Stattdessen ist das Blatt ein Projekt ihrer Downtown-Werkstatt für Kultur und Wissenschaft. Manchmal werde es finanziell eng - aber das ertrage sie eher als eine inhaltliche Enge.

De Bragança freilich geht nebenbei einem Broterwerbsberuf nach, sich selbst könnte sie andernfalls nicht finanzieren. Auch ihre schreibenden Kollegen sind berufstätig. Sie arbeiten tagsüber in Werkstätten, in Hotels oder Altenheimen. "Das sind Menschen, die tagsüber irgendwas zusammenschrauben und in ihrer Freizeit wahnsinnige Gedichte schreiben", sagt sie. Dafür wurde die Redaktion bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Auf der nächsten Seite: Warum das Schreiben manchmal etwas länger dauert und warum Besessenheit so wichtig ist.

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