Couturier Azzedine Alaïa "Ich bin rastlos in der Nacht"

Der Tunesier Azzedine Alaïa gilt als der letzte große Couturier. Der "König der Klebefolie" erfand in den achtziger Jahren die sehr körpernahe Stretchmode.

Interview: Jina Khayyer

Der Tunesier Azzedine Alaïa, geboren um 1940, gilt als der letzte große Couturier. Der "king of cling" (übersetzt: König der Klebefolie) erfand in den achtziger Jahren die sehr körpernahe Stretchmode. Dank des Achtziger-Revivals wird er von anderen Designern zitiert wie kein Zweiter. Er lebt und arbeitet unter einem Dach - im Pariser Stadtteil Marais.

Mode an der Grenze des Tragbaren

mehr...

SZ: Monsieur Alaïa, Sie haben Ihre Handschrift schon in den achtziger Jahren entwickelt: Die Taille wird betont, die Hüften sind kaschiert. Sie brachten Leder und Reißverschlüsse in die Couture. An all dem haben Sie nie etwas verändert.

Azzedine Alaïa: Wenn man den richtigen Weg gefunden hat, muss man nicht nach einem anderen suchen. Dabei habe ich damals nie bewusst daran gearbeitet, eine Silhouette oder einen Stil zu kreieren. Ich liebe Frauen und respektiere ihren weichen Körper. Und ich habe Bildhauerei studiert. Ich stecke noch heute jede Kreation selbst an der Büste ab, so lange, bis alle Proportionen galant umschmeichelt sind.

SZ:Sie führen seit bald 20 Jahren Ihr eigenes Couture-Haus. Wie viele Kollektionen haben Sie entworfen?

Alaïa: Zwei pro Jahr - also ungefähr 80.

SZ:Das ist nicht gerade viel.

Alaïa:Alles andere halte ich für Irrsinn. Selbst wenn Frauen viel Geld zur Verfügung haben: Niemand hat die Zeit, so viele Kleider zu tragen. Vier, fünf Kollektionen im Jahr, das ist ein Kommerz-Inferno und hat nichts mit Kreativität zu tun. Mit Mode übrigens auch nicht mehr.

SZ:Sie sind auch der einzige Couturier, der keine Show macht.

Alaïa:Ich mache eine Show, aber eine kleine, zu der ich nur die Leute einlade, die ich mag. Ich zeige meine Kollektion bei mir zu Hause, dort, wo sie auch entsteht. Dazu serviere ich Tee, Kaffee und Süßigkeiten. Große Spektakel sind mir zu frivol.

SZ:Ein Alaïa-Ledermantel kostet ab 8000 Euro, ist das nicht auch frivol?

Alaïa:Man benötigt 25 Häute, um so einen Mantel zu machen. Also fast eine ganze Herde Kühe. Mein Küchenchef versorgt meine Mannschaft mit dem Fleisch, während ich Menschen beschäftige, die aus den Häuten einen Mantel machen, den dann eine Frau durch Paris spazieren trägt, während ihr 25 Männer hechelnd hinterherrennen.

SZ:Kennen Sie alle Ihre Kundinnen?

Alaïa:Wenn sie in meinem Atelier einkaufen, ja. Und wenn sie mir unsympathisch sind, nehme ich den Auftrag nicht an.

SZ:Kam das schon oft vor?

Alaïa:Ja, aber ich werde Ihnen keine Namen nennen.

SZ:Wer hat Sie in Ihrer Karriere unterstützt?

Alaïa:Frauen natürlich. Sonst kann ja niemand meine Kleider tragen.

SZ:Und Miuccia Prada ...

Alaïa:Ja, es gab eine Zeit, da hat die Prada-Gruppe in mein Unternehmen investiert. Wir kamen gut zurecht. Aber ich habe alle meine Anteile wieder zurückgekauft. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit; ich möchte versuchen, meine Marke noch so weit wie möglich zu bringen.

SZ:Es heißt, Sie schlafen maximal vier Stunden.

Alaïa:Ja, ich bin rastlos in der Nacht. Vor vier, fünf Uhr in der Früh kann ich nicht einschlafen. Und um neun beginne ich zu arbeiten. Dazu gucke ich die Sendung "National Geographic", das lenkt mich von der Arbeit ab. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich nehme meine Arbeit nicht so wichtig. Ich nehme auch mich nicht so wichtig. Ich lache viel, mit allen. Ich sehe mich auf der gleichen Stufe mit jedem anderen Menschen in meinem Haus; auch mit den Arbeitern. Nur meine Haustiere behandele ich wie Prinzen und Prinzessinnen.

SZ:Glauben Sie an etwas?

Alaïa:Ich glaube an gar nichts. Wenn ich in eine Kirche gehe, zünde ich eine Kerze an. Kann ja nicht schaden. Man muss versuchen, ein guter Mensch zu sein, aber mit Glauben hat das nichts zu tun.

SZ:Letztes Jahr wollte Ihnen Nicolas Sarkozy die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs verleihen, den Orden der Légion d'honneur. Warum haben Sie abgelehnt?

Alaïa:Ich mag diesen Mann nicht. Und ich mag keine Dekorationen. Außer, wenn Frauen Kleider tragen; das ist sinnvolle Dekoration.