70er-Jahre-Mode Die haben einen Schlag

Ein Revival kommt selten allein. Jetzt muten uns die Modemacher auch noch die siebziger Jahre zu. Ein kleiner Trost: Sie werden immerhin luxuriös inszeniert.

Von Alex Bohn

Bis vor kurzem war der Flokatiteppich ein Unding. Niemand mit einem einigermaßen ausgeprägten Stilbewusstsein wäre auf die Idee gekommen, sein Wohnzimmern mit diesem Relikt aus den siebziger Jahren zu schmücken. Und plötzlich laufen stilbewusste Menschen in Flokatiteppichen durch den Herbst. Zumindest in Mänteln, die so aussehen als ob. Verantwortlich dafür ist die italienische Designerin Miuccia Prada. Was um alles in der Welt hat sie sich nur dabei gedacht?

Flokatimäntel und Rüschenschlaghosen: Was wohl die Models von der Mode halten, die sie tragen? Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände.

(Foto: Foto: AFP, Getty Images)

Pradas Mäntel gibt es in Beige, Braun, Orange, Grün und Gelb. Diese Farben ziehen sich durch ihre gesamte Kollektion, die auf den ersten Blick ein wenig unansehnlich wirkt. Und als wäre ein Flokati nicht genug: Die fusseligen Mäntel gibt es auch als Pullover mit Rundhalsausschnitt. Laut der Anzeigenkampagne soll man die Pullis mit überdimensionalen Handtaschen kombinieren, gefertigt aus einem Material, das aus der Distanz wirkt wie billiges, hochglänzendes PVC. Passend zu den Handtaschen, deren Leder farbig von Beige nach Schwarz verläuft, gibt es High Heels in derselben Farbkombination.

Prada ist nicht die einzige, die anlässlich der aktuellen Herbst-Winter-Schauen plötzlich eine Mode anbietet, die alles andere als gefällig wirkt. Auch der US-Designer Marc Jacobs präsentiert im Rahmen der Prêt-à-Porter-Schauen in New York eine Kollektion, welche die geladenen Journalisten und Einkäufer zunächst einmal irritierte: Statt des gewohnt lässigen Lagen-Looks, der den Eindruck vermittelt, als hätten sich die Models die Kleider gedankenlos übergestreift, zeigt Jacobs eine einfache, gerade Silhouette: Hosenanzüge, die in der Taille gegürtet werden. Blusen mit spitzen Kragen und großflächigen, graphischen Mustern. Und Stoffe, die an atmungsarmes Polyester oder Acryl erinnern. Beide Kollektionen, Marc Jacobs und Prada, wirken auf unterschiedliche Weise fremdartig. Und schmeichelten noch nicht einmal den eigentlich so wunderschönen Models, die sie auf dem Catwalk vorführten.

Wer nun denkt, die beschriebenen Kollektionen seien halt zwei Ausrutscher, der irrt: Auch Gucci, Sportmax und Etro zeigen Muster, die man zuletzt auf Couchgarnituren in Secondhandläden gesehen hat, Stoffe, die synthetisch und billig anmuten, und eine Farbpalette, die von Orange über Armeegrün bis hin zu Lila reicht.

Inspiriert von Fernseh- oder Filmproduktionen

Irgendwo hat man diese geballte Scheußlichkeit schon mal gesehen. Aber warum sollten sich Designer ausgerechnet von den siebziger Jahren inspirieren lassen? In einem Interview mit dem Style-Magazin der New York Times formuliert Marc Jacobs seine Inspiration folgendermaßen: "Für meine Kollektion wollte ich etwas absolut Präzises, Geradliniges, Gelerntes, in sich Stimmiges, das ohne belanglosen Zierrat auskommt. Ich stellte mir diese hübsche, schicke Frau aus New York in den späten Siebzigern vor, die zum ersten Mal nach Italien reist."

Man kann sich fast beliebig eine Fernseh- oder Filmproduktion der siebziger Jahre herausgreifen: Woody Allens "Der Stadtneurotiker", David Jacobs' "Dallas", Blake Edwards' "Der rosarote Panther kehrt zurück" oder auch Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" - ihnen allen ist gemein, dass die weiblichen Protagonisten dem Frauenbild, das Marc Jacobs beschreibt, fast exakt entsprechen.

Die Frauen in den Siebzigern waren angezogen. Ladys wie die Schauspielerin Diane Keaton trugen elegante Hosenanzüge mit Halstuch und Hut zu hochhackigen Pumps, sie verwendeten Zeit auf ihre Frisur, ihre Lieblingsdesigner waren Krizia und Yves Saint Laurent. Eine Diva wie Diana Ross trug ihr Gesicht wie ein Gemälde, ohne Make-up ging sie nicht auf die Straße. In den Siebzigern existierten Dress Codes für Büro und kulturelle Veranstaltungen, das Motto "anything goes" hingegen noch nicht. Kleidung war noch eine Herausforderung und setzte noch ein Statement. Und genau deshalb ist diese Dekade für Designer von heute wieder interessant.

Alles sollte zufällig wirken

Die Bilder von Weiblichkeit, die sie in den vergangenen Saisons beworben haben, basierten auf einem Stil, der zufällig wirken sollte. Die modebewusste Frau sollte so gekleidet wirken, als betriebe sie keinerlei Aufwand bei der Wahl ihrer Garderobe. Der Lagenlook, bei dem man zwiebelartig mehrere Schichten übereinander kombiniert, entsprach diesem Ideal: Kleid über Hose unter Cardigan plus Wickelschal, fertig. Gleichzeitig zeigten Designer wie Marc Jacobs und Chloés Phoebe Philo Kleidung, die zart und mädchenhaft war: Babydoll- oder Hängerkleidchen, zarte Stoffe, Spitzen, Rüschen. So niedlich gekleidet sahen Frauen aus wie Mädchen.

Mit dieser ewigen Adoleszenz räumt der Rückgriff auf die siebziger Jahre auf. In einem figurbetonten Hosenanzug mit Taillengürtel und Absatzschuhen sieht man aus wie eine Dame, nicht wie ein Teenager. Die entschiedenere Weiblichkeit ist eine willkommene Abwechslung. Das findet auch Marc Jacobs: "Es ist das Gegenmittel für alles, was wir zuletzt gesehen haben. Nach dem ganzen Durcheinander von Lagenlook, Grunge-inspirierter und Do-it-yourself-Mode, ist es gut, sich jetzt fast masochistisch makellos zu kleiden."

Aber was hat es mit den Flokati-Mänteln aus dem Hause Prada auf sich? Zumindest sind sie eine Anspielung auf die Materialien der Dekade. Seit den fünfziger Jahren entwickelte die Textilbranche chemische Fasern mit anderen Materialeigenschaften, wie beispielsweise erhöhter Dehnbarkeit. Besonders in den siebziger Jahren machte man mit den sogenannten Synthetics Fortschritte, indem man sie mit natürlichen Fasern mischte. Die textile Innovation von gestern will heute keiner mehr tragen, Polyesterhemden und PVC-Lackleder sind veraltet.

Viel edler, als es wirkt

Miuccia Pradas Kollektion aber sieht nur so aus, als ob: Ihre Lackhandtaschen sind aus feinem Leder, das mit Nylon verarbeitet ist, Gleiches gilt für die hochhackigen Pumps. Der Mantel, der aussieht wie ein schnöder Flokati, ist aus edlem Alpaka-Mohair. Die struppigen Mützen, die wirken, als habe man sie zu heiß gewaschen, wurden aus gewachstem Mohair gefertigt. Und die braun-schwarzen Kleider mit einer wie angeschmort wirkenden Oberfläche - die sind aus einem Nylon-Seide-Gemisch. Egal, welches Teil der Kollektion man sich greift: Auf den ersten Blick täuscht Prada billige und veraltete Materialien vor, die dann aber das genaue Gegenteil sind.

Miuccia Prada selber sagt in einer Spezialausgabe des amerikanischen Time-Magazins: "Wenn man mit klassischen Schnitten arbeitet, muss man eben an den Textilien forschen. Für die Suche nach dem richtigen Material verwende ich die meiste Zeit. Wenn ich den Stoff gefunden habe, den ich brauche, kann ich mich entspannen."

Mit ihrer Entscheidung, sich von den eher unattraktiven Seiten der siebziger Jahre inspirieren zu lassen, verhält auch sie sich bewusst gegen die mädchenhafte Niedlichkeit, welche viele Designer in der vergangenen Saison propagierten. Die Frauen der Miuccia Prada sind stark und eigenständig - und stets so gut angezogen wie die typische Vertreterin der Siebziger. Selbst in einem Flokati-Mantel aus luxuriösem Mohair.

Wer an den Schnitten, Farben und Stoffen der aktuellen Kollektionen von Marc Jacobs und Miucca Prada keinen Gefallen findet, kann auf den nächsten Frühling hoffen; dann wird eine weniger elegante Seite der Siebziger sichtbar. Der neue Balmain-Designer Christophe Decarnin führte unlängt seine Interpretation des späten Siebziger vor: geblümte Schlaghosen, Outfits mit Fransen, Batik-Kleider und kleine Westen mit Spiegel-Applikationen.

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