Zum Tod von Roger Garaudy:Segelkurs Starrsinn

Wo er dazugehörte, provozierte er auch. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Roger Garaudy war erst Kommunist und Christ, später aber bekannte er sich zum Islam und leugnete den Holocaust. Trotzdem zieht sich der Dialog der Kulturen durch sein Lebenswerk. Nun ist der Franzose im Alter von 98 Jahren gestorben. Wäre er nicht so alt geworden, so würde ihm wohl mehr Ehre zuteil.

Joseph Hanimann

Hätte er die Gnade eines früheren Todes gehabt, würde dieser Nachruf eine halbe Zeitungsseite einnehmen. Roger Garaudy hat sich in seinem fast hundertjährigen Leben vom anregenden Denken zwischen den Systemen zum systematischen Wahndenken entwickelt. Seine Leugnung des Holocausts im Buch "Die Gründungsmythen der Politik Israels" ließ 1996 seinen produktiven Eigensinn in politischen Starrsinn übergehen.

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Roger Garaudy stellt 1996 in Paris sein umstrittenes Buch "Die Gründungsmythen der Politik Israels" vor.

(Foto: AFP)

Dabei brachte der 1913 in Marseille geborene Garaudy alles mit für einen Intellektuellen, wie das vergangene Jahrhundert sie liebte. Nach einem brillanten Studienabschluss in Philosophie schloss er sich der Kommunistischen Partei an, kam unter Vichy in Gefangenschaft, beteiligte sich in der Résistance, wurde nach dem Krieg Parlamentsabgeordneter.

Als Führungsmitglied seiner Partei suchte er in seinen Büchern über Marxismus und Katholizismus Doktringrenzen zu überschreiten. Unter dem Eindruck des Mai '68 und des sowjetischen Einmarsches in Prag kam er in offenen Konflikt mit den Kommunisten und wurde 1970 ausgeschlossen. Nach kurzer Annäherung an den katholischen Glauben trat er zum Islam über.

Das Brückenschlagen mehr in der Kontroverse als in der Verschmelzungseuphorie brachte ihn oft in Konflikt mit den Kollegen. Man warf ihm bald Sektierertum, bald einen obsessiven Hang vor, das Unvereinbare vereinen zu wollen. Als junger Philosophielehrer stritt er sich in Clermont-Ferrand mit dem dort ebenfalls lehrenden Michel Foucault.

Im Buch "Questions à Jean-Paul Sartre" forderte Roger Garaudy 1960 die Existentialisten heraus. In seinen Publikationen über Aragon, Picasso und die Geschichte des Tanzes sprach der Ideologe leider manchmal lauter als der inspirierte Liebhaber. "Dialog der Kulturen" - so der Titel eines Buchs 1977 - wurde zu einem Zentralthema seines Wirkens. In der Torre de la Calahorra in Córdoba richtete Garaudy 1987 seine Stiftung eines "Museums der drei Kulturen" Europas ein. Gleichzeitig trat er gern als "Einsamer Segler durchs Jahrhundert" auf - so lautete der Titel seiner im Jahr 1989 erschienenen Autobiografie.

Sein unbändiger Drang zum messianischen Denken, der Garaudy bei vielen Kollegen philosophisch diskreditierte, beförderte ihn 1996 vollends ins Abseits. Nach Büchern über den christlichen und den islamischen Radikalismus verrannte er sich in "Les mythes fondateurs de la politique israelienne" in die Behauptung, der Holocaust sei historisch nicht nachweisbar und eine Erfindung zum Zweck der Expansion des Staates Israel. Nachdem er 1998 wegen Negationismus und Aufwiegelung zum Rassenhass verurteilt wurde, ist es 1998 um ihn stiller geworden. In seinem Haus in der Pariser Vorstadt Chennevières ist Roger Garaudy nun gestorben.

© SZ vom 16.06.2012/mahu
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