Zum Tod von Klaus Michael Grüber:Der Wanderer

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Die lebenslange Wanderschaft war auch das zentrale Themas seines "Faust-Salpêtrière", den er 1975 im Hôpital de la Salpêtrière inszenierte. Grüber erinnerte an diesen Ort der von der Gesellschaft ausgeschlossenen Kranken und rückte das Los von Faust in die Nähe der von ihrer Unruhe getriebenen Menschen.

Das Thema der unerlösten Wanderschaft beschäftigte Grüber auch in seiner zweiten "Faust"-Inszenierung, 1982 an der Berliner Freien Volksbühne. Im Schlussbild brach Faust zu seinem letzten Weg mit einer gefassten inneren Haltung auf. Auf dem Rücken trug Minetti einen einfachen Rucksack, seine linke Hand umschloss einen langen, knorrigen Wanderstock.

Die widersprüchlichen Erfahrungen eines Lebens gaben Faust die Kraft, den letzten Weg mit einer zugleich beklemmenden und erlösenden Geradlinigkeit zu Ende zu gehen. Nachdem Faust sich entschieden hatte aufzubrechen gab es keinen Blick zurück.

Unbeirrbare Liebe

Grüber genoss stets die besondere Wertschätzung der Schauspieler. Für Angela Winkler war Grüber ein Regisseur der Stille, für Jutta Lampe - sie spielte seine Marianne, Ophelia und Alkmene - war Grüber ein großzügiger Mensch, der seiner Intuition vertraute.

Mit Jeanne Moreau hatte Grüber 1986 im Théâtre Bouffes du Nord "Le recit de la servante Zerline" erarbeitet und in der Zerline eine Frau gesehen, die der Liebe unbeirrbar folgt.

Für Bruno Ganz hatte Grüber die singuläre Fähigkeit, Inbilder von Lebenssituationen zu schaffen. Minettis Faust mit dem Wanderstab ist für Ganz ein solches Inbild, in dem das Schicksal des Menschen aufscheint.

Grüber ging am Beginn seiner Regielaufbahn auf Maler zu, um sie fürs Theater zu gewinnen. Mit Eduardo Arroyo, Gilles Aillaud, Francis Biras, Antonio Recalcati, Titina Maselli verband ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit.

Später nahm er Kontakt zu Anselm Kiefer auf, der 2003 für "Ödipus in Kolonos" am Burgtheater und "Elektra" am Teatro di San Carlo die Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Grüber nahm die Visionen der Maler an und entwickelte seine Regie danach. Das verlieh seinen Arbeiten die Leichtigkeit und Dichte eines poetischen Realismus.

Die Vorstellung, dass Theater sich nur in dafür reservierten Räumen ereignen könne, war Grüber fremd. Die zentrale Idee der Passage und ihrer Transformation setzte er auch an anderen Orten um.

Für die "Winterreise", entstanden 1977 nach Textfragmenten von Hölderlins Roman "Hyperion", wählte Grüber das Berliner Olympiastadion, das die Nazis zur Darstellung ihrer Macht erbaut hatten.

"Rudi", nach dem Roman von Bernard von Brentano, wurde 1979 im Hotel Esplanade gezeigt, in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer. Die Uraufführung von Jorge Semprúns "Bleiche Mutter, zarte Schwester" realisierte Grüber 1995 auf einem Sowjetischen Soldatenfriedhof am Rande von Weimar, und Ödön von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg" inszenierte er 2000 mit einer Gruppe von jungen Schauspielern aus Peter Steins "Faust" am Stadtrand von Hannover.

Grüber suchte immer wieder den öffentlichen Raum, um den Spuren der Geschichte zu folgen. Sein Theater des Eingedenkens war aufs Engste mit historischen Orten verknüpft.

Theater des Eingedenkens

Ein tiefer Riss geht durch die Menschen, die Grüber auf der einsamen Spur ihres Lebens begleitete. Seine Inszenierungen, die fast alle in Zusammenarbeit mit seiner Mitarbeiterin Ellen Hammer entstanden, waren von der Erfahrung des Scheiterns bestimmt, von Verlust und Verlöschen.

Im Untergang scheint freilich ein Gegenbild auf, dass der Tod nicht das Letzte sei. In der Uraufführung von Vladimir Nabokovs "Der Pol", 1996 an der Schaubühne, richtete sich im Schlussbild der gescheiterte Captain Scott (Bruno Ganz) auf und hielt sich an der Zeltstange fest. Der letzte Blick ging über eine vom Nordlicht illuminierte Landschaft aus Schnee und Eis.

Das letzte Bild der letzten Inszenierung: In Busonis Oper "Doktor Faust", 2006 in Zürich, wurde Thomas Hampsons Abgang in die Tiefe und Finsternis durchkreuzt von einem nackten Jüngling, der andächtigen Schritts die Bühne überquert und auf den ausgestreckten Armen einen großen grünen Zweig hält wie ein kostbares Gut.

So evozierte Grüber das Bild von Tod und Auferstehung -im sich kreuzenden Abgang von Doktor Faust und dem Erscheinen eines nackten, bloßen Menschen. In der Nacht zum Montag ist Klaus Michael Grüber nach langer Krankheit auf der bretonischen Insel Belle-Ile-en-Mer im Alter von 67 Jahren gestorben.

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