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Zukunftstechnologien:Künstliche Intelligenz

Heilsversprechen, Science Fiction oder das Ende der Menschheit: Wie stark wird KI unser Leben bestimmen?

Das Internet war erst der Anfang. Nie zuvor wurde das so deutlich wie im Jahr 2019. Das weltweite Computernetz ist nur die Infrastruktur, die es der künstlichen Intelligenz (KI) möglich macht, sich zu verbreiten. War KI vor einigen Jahren noch ein obskures Forschungsfeld, so hat nun die Phase der Anwendung begonnen. Enorme Speicher können KI mit dem Rohstoff der Daten füttern, die sie braucht, um zu funktionieren. Neue Netzgeschwindigkeiten, die sich mit der Einführung von 5G noch vervielfachen werden, machen es möglich, dass KI über das sogenannte Internet of Things selbst so alltägliche Maschinen wie elektrische Zahnbürsten oder Kühlschränke erfasst. Ganze Gesellschaften lassen sich mit KI steuern. Das kann die Volksgesundheit verbessern oder die Bürgerrechte aushöhlen. Denn wie jede Technologie kennt künstliche Intelligenz zunächst einmal keine Ethik und sie hat auch keinen Willen.

Es gibt eine Zahl, die illustriert, mit welcher Wucht künstliche Intelligenz gerade von allen Bereichen des Lebens Besitz ergreift. Diese Zahl hat viele Stellen: 15 700 000 000 000. Um rund 15,7 Billionen Dollar wird künstliche Intelligenz bis zum Jahr 2030 das globale Bruttosozialprodukt jedes Jahr vergrößern. Ausgerechnet hat das die Wirtschaftsprüferfirma Pricewaterhouse Coopers. Das größte Wachstum prophezeit der Bericht dabei für die USA und China, aber auch der Rest der Welt wird einen Schub erfahren wie seit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Historiker bestätigen das. Genauso wie der Fortschritt der Industrialisierung es der Menschheit möglich gemacht habe, die Grenzen der Muskelkraft endgültig zu überwinden, werde KI die Grenzen der Hirnleistung einreißen. In Europa wird Deutschland am meisten davon profitieren. Dieser Schub hat allerdings einen hohen Preis. Denn die "Produktivitätssteigerungen", die für mehr als die Hälfte dieses Anstiegs sorgen sollen, heißen nichts anderes, als dass Millionen Arbeitsplätze automatisiert werden.

Im Jahr 2019 wurde das erstmals auch einer breiten Öffentlichkeit bewusst, die begriffen hat, dass KI keine Technologie aus Science- Fiction-Filmen ist, dass es nicht um Superroboter wie in "Terminator" geht, nicht um allmächtige Computernetzwerke wie in "Matrix", ja nicht einmal um menschenähnliche Maschinen wie in "Ex Machina". Vergessen sind die Menetekel von Apokalyptikern wie dem Unternehmer Elon Musk, der KI für so gefährlich wie Atomkraft hält. Ebenso wie die Heilsversprechen der Euphoriker wie dem Futurologen Ray Kurzweil, der prophezeite, dass der Mensch schon bald sein Hirn über eine neuronale Schnittstelle an die "Cloud" einer Super-KI anschließen und so einen IQ von viertausend erreichen könne. Den meisten ist inzwischen klar, dass die Chancen und Gefahren der KI viel banaler sind, als es die Mythen der Science Fiction glauben machen. Aber gerade deswegen ist es so wichtig geworden, die Entwicklung der KI nicht nur als technischen und wissenschaftlichen Fortschritt zu betrachten, sondern zu debattieren, was sie mit Gesellschaften, Kulturen und Menschen anstellt.

Doch was genau ist eigentlich künstliche Intelligenz? Bevor man sich in philosophische Untiefen begibt, kann man KI der Einfachheit halber so beschreiben: Es handelt sich dabei um Maschinen, die eigenständig lernen und deswegen selbständig Entscheidungen treffen können.

KI verändert das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine erstmals von Grund auf

Die KI eines selbstfahrenden Autos kann beispielsweise mit den Sensoren des Fahrzeuges einen Fußgängerüberweg erkennen und einen Bremsvorgang einleiten. In der Medizin erkennen künstliche Intelligenzen anhand von Mustern, ob jemand beispielsweise an Krebs oder an Depressionen erkrankt ist und können Medizinern empfehlen, mit einer Behandlung zu beginnen. Oder sehr viel einfacher und heute schon Alltag: KI kann erkennen, was Menschen gerne kaufen wollen, welchen Satz sie als nächsten schreiben werden oder wohin sie mit dem Auto fahren. Überhaupt ist künstliche Intelligenz schon viel alltäglicher, als die meisten glauben. John McCarthy, der sich den Begriff 1956 ausdachte, als er Drittmittel für die Dartmouth Conference beantragte, bei der diese neue Technologie erstmals debattiert wurde, sagte selbst: "Sobald künstliche Intelligenz zum Alltag wird, nennt man sie nicht mehr so."

Im März 2019 begann im Feuilleton der SZ eine Serie von Essays, die aus dem "Possible Minds"-Projekt amerikanischer Wissenschaftler hervorging. Es waren auch Pioniere der KI-Forschung dabei, Judea Pearl beispielsweise, Danny Hillis oder Sandy Pentland. Es waren aber vor allem die Beiträge von Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern wie Sarah Spiekermann, Elke Schwarz oder Dan Dennett, die deutlich machten, dass künstliche Intelligenz eine Technologie ist, die Fragen aufwirft, auf die Natur- und Technikwissenschaftler die Antworten nicht mehr selbst finden. Denn mit künstlicher Intelligenz verändert sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine erstmals von Grund auf. Bisher war dieses Verhältnis von einem ganz einfachen Kontrollmechanismus bestimmt. Der Mensch gibt einen Befehl ein, die Maschine führt ihn aus. Das war schon so, als Steinzeitmenschen mit einem Holzknüppel einen Stein den Berg hinunterrollen ließen und ist auch immer noch so, wenn ein Nutzer mit dem Finger über den Schirm eines Smartphones wischt. Mechanische und digitale Technologien waren sich da bisher erstaunlich ähnlich. Wenn eine Maschine aber nun selbständig Entscheidungen trifft und handelt, ist sie nicht mehr bloß Werkzeug, dann wird sie zum Begleiter.

Der syrischstämmige KI-Forscher Iyad Rahwan, der 2019 vom Massachusetts Institute of Technology ans Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin wechselte, war einer der ersten Wissenschaftler, der Konsequenzen verlangte. Im April forderte er gemeinsam mit 22 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, dass es eine Verhaltensforschung für Maschinen geben müsse. Maschinen, so hieß es in dem Aufruf im Wissenschaftsmagazin Nature, würden mit KI andere Verhaltensformen entwickeln als Lebewesen. Weil die Rechenvorgänge einer KI, die mithilfe von "deep learning" Verhaltensmuster entwickle, aber nicht mehr nachvollziehbar seien, müsse man diese Entwicklung mit anderen Methoden begleiten, als es Informatiker und Mathematiker sonst gewohnt sind. Dafür aber gebe die Verhaltensforschung gute Anhaltspunkte. Dabei gehe es aber nicht nur um Ethik, so Rahwan, sondern auch um Politik.

Die reagierte in den Machtzentren der KI-Entwicklung ganz unterschiedlich. In den USA ließ die Regierung den Firmen und Instituten weitgehend freie Hand. So konnte sich ein digitaler Monopolkapitalismus etablieren, der auch die Zukunft der KI in der westlichen Welt bestimmen wird. In China verstand die Regierungspartei KI als Staatsangelegenheit mit höchster Priorität. In Europa reagiert man bisher auf KI wie auf die meisten technologischen Entwicklungen mit Regulierung.

So wie es derzeit aussieht, hat China einen Vorsprung, der vom Rest der Welt nur schwer aufzuholen sein wird

So wie es derzeit aussieht, hat China einen Vorsprung, der vom Rest der Welt nur schwer aufzuholen sein wird. Über 1,3 Milliarden Menschen der Volksrepublik sind dort ein riesiger Datensatz, mit dem KI gefüttert werden kann. Und Daten sind der Rohstoff, den KI braucht, um zu funktionieren. Das berüchtigte soziale Bewertungssystem, mit dem die Regierung jedem Bürger einen Wert zuordnet, der beziffert, wie konform er sich verhält, ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Längst hat sich der größte Teil der Bevölkerung auf einen digitalen Alltag eingelassen, in dem vom Chat über Einkäufe bis zu Arztterminen alles über die App WeChat läuft. KI kann über solche Daten Verhaltensmuster für jeden Einzelnen errechnen. Was im Westen undenkbar wäre, wird von einer Gesellschaft, in der steigender Wohlstand und technischer Fortschritt im Wertekanon weit vor Bürgerrechten stehen, bereitwillig angenommen. Auch in den USA gibt es solche Datensammlungen, die Nutzerverhalten bewerten. In Europa, das im digitalen Raum immer noch so etwas wie ein Protektorat des amerikanischen Internets ist, kann man sich dem kaum entziehen.

Andrian Kreye leitet gemeinsam mit Sonja Zekri das Feuilleton der SZ. Er lebte viele Jahre in den USA und hat dort schon früh die Entwicklung der digitalen Welt von einer Subkultur zur Alltagstechnologie begleitet.

2019 war das Jahr, in dem die Debatte um künstliche Intelligenz auf dem Boden der Tatsachen landete. Automatisierung und die digitale Bewertung von Menschen sind die akuten Gefahren, die jeden Einzelnen und ganze Gesellschaften bedrohen. Technischer, wissenschaftlicher und sozialer Fortschritt sind die Chancen. Die Hoffnung bleibt, dass diese Debatte zu Beginn dieser neuen Phase der Digitalisierung beginnt, und nicht, wie während des Siegeszuges des Internets, erst, nachdem die Fehler schon Wirkung gezeigt hatten. Im November 2019 reagierte das deutsche Arbeitsministerium als eine der weltweit ersten Regierungsstellen auf diese Debatte. Es wird eine Art TÜV für künstliche Intelligenz geben, der auch auf europäischer Ebene wirken soll. Egal ob das technisch umsetzbar ist oder nicht, der bürokratische Akt in Berlin ist ein Signal, dass KI in eine Zukunft führt, die die Zivilgesellschaft nicht akzeptieren, sondern gestalten muss.