Wolfgang Mommsen ist tot Der Liberale

Wolfgang Mommsen war ein Mann mit einer "Konfliktfreudigkeit, die in seiner eher leisetreterischen Zunft erfrischend auffiel" - und einer der bekanntesten deutschen Historiker. Der 73 Jahre alte Professor starb bei einem Badeunfall in der Ostsee.

Sein letztes Buch ist gut ein Jahr alt und wird gerade in diesen Tagen oft zitiert: In dem Propyläen-Band ¸¸War der Kaiser an allem schuld?" zeigte der Historiker Wolfgang Mommsen die Herrschaftspraxis Wilhelm II. in ihren Grenzen, aber auch in allen fatalen Möglichkeiten. Das Kaiserreich war seine Zeit, das Scheitern des Liberalismus, der epidemische Imperialismus, der Weg in den Weltkrieg.

Mommsen, Zwillingsbruder des Historikers Hans Mommsen und Urenkel von Theodor Mommsen ("Römische Geschichte"), gehörte über Jahrzehnte zu den renommiertesten Vertretern der Geschichtswissenschaft in Deutschland.

Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit dem Soziologen Max Weber und war einer der Herausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe.

Der 1930 in Marburg als Urenkel des Historikers und Literaturnobelpreisträgers Theodor Mommsen geborene Mommsen studierte Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte und promovierte bei Theodor Schieder in Köln über Max Weber.

Während sich sein Zwillingsbruder Hans auf die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus konzentrierte, widmete er sich der Geschichte vom Vormärz bis Versailles.

Von 1968 bis 1996 hatte Wolfgang Mommsen die Professur für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Düsseldorf inne. Von 1977 bis 1985 leitete er das in London wieder errichtete Deutsche Historische Institut, später den deutschen Historiker-Verband. Zudem war er Leiter der Arbeitsstelle der Max-Weber-Gesamtausgabe. Zu seinen Werken gehören ¸¸Das Zeitalter des Imperialismus", ¸¸Das Ringen um den nationalen Staat", ¸¸1848 - Die ungewollte Revolution" und ¸¸Bürgerliche Kultur und politische Ordnung".

In der Wendezeit - von 1988 bis 1992 - war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Beim Historikertag 1990 in Bochum widersprach er entschieden dem Vorwurf, die deutschen Historiker hätten nach 1945 die nationale Tradition vernachlässigt und zu einer Schwächung des nationalen Gedankens beigetragen. Er verwies darauf, dass ohne ihre kritische Haltung zur deutschen Vergangenheit die Einheit nicht möglich gewesen wäre.

"Gemeinsam ist den Mommsens eine an ihren Urgroßvater erinnernde polemische Deutlichkeit, eine liberale Konfliktfreudigkeit, die in der - jedenfalls vor dem Historikerstreit - eher leisetreterischen historischen Zunft erfrischend auffiel", hieß es in einer Würdigung. In einem Fragebogen bezeichnete Wolfgang Mommsen Bismarcks Sozialversicherungsgesetze 1881-1885 als die von ihm am meisten bewunderte Reform in der Geschichte.

Die akademischen Karrieren der Brüder Hans und Wolfgang Mommsen weisen viele Parallelen auf. Beide promovierten 1959, Hans in Tübingen, Wolfgang in Köln, sie habilitierten sich 1967 und beide erhielten 1968 ihren ersten Ruf als ordentliche Professoren, Hans nach Bochum, Wolfgang nach Düsseldorf. Beide emeritierten 1996.

Zu den Anekdoten über die sich sehr ähnlich sehenden Zwillinge gehört, dass der eine den anderen bei Krankheit in der Vorlesung vertreten haben soll. Niemand soll es bemerkt haben.

Herzinfarkt als Todesursache

Hans Mommsen bestätigte nun einen Bericht der Bild-Zeitung vom Donnerstag, wonach sein Bruder bei einem Badeunfall in der Ostsee ums Leben gekommen sei.

Die zuständige Polizei in Anklam teilte mit, der Unfall habe sich im Ostseebad Bansin auf der Insel Usedom (Mecklenburg-Vorpommern) ereignet. Badegäste hätten ihn im Wasser treibend entdeckt und an Land gebracht. Der Notarzt habe nur noch den Tod feststellen können. Als Todesursache gelte Herzinfarkt, so Bild.