Winnie Puuh Ein Bär hat's schwer

Der Regisseur Marc Forster wurde vom Disney-Studio angeheuert, um mit "Christopher Robin" die Geschichte von Winnie Puuh weiterzuerzählen.

Von David Steinitz

Der Chef des Disney-Konzerns, Bob Iger, erzählt in Interviews gern, dass er jeden Morgen bereits um viertel vor fünf aufsteht. Anders sei sein Tagespensum gar nicht zu bewältigen. Das ist für einen Topmanager natürlich nichts Außergewöhnliches, zumal für einen, der seine Firma in den letzten Jahren zum erfolgreichsten Unternehmen der Unterhaltungsindustrie ausgebaut hat. Der Clou an Igers Job ist allerdings, dass er die Milliardeneinnahmen seines Studios vor allem mit Filmen vermehrt, die ständig davon erzählen, dass man dringend mal wieder ausschlafen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen sollte, anstatt immer nur zu arbeiten.

Und weil Disney seit Jahrzehnten die Filmrechte am Bären Winnie Puuh besitzt, quasi dem Cartoonsinnbild der Prokrastination, entschied der Frühaufsteher Bob Iger, dass es mal wieder Zeit für ein Kinoupdate sei. Zumal Puuh laut Firmenangaben unter Fans direkt hinter der Micky Maus die beliebteste Trickfigur des Hauses ist. Igers Filmemacher mussten sich folglich mal wieder überlegen, wie sie den alten kategorischen Disney-Imperativ - träumen statt arbeiten! - in eine neue Geschichte packen könnten. Das Ergebnis ist die Tragikomödie "Christopher Robin", die ein im besten Sinne altmodisches Disney-Melodram geworden ist. Vor allem, weil sie fast ohne den ganzen Blockbuster-Firlefanz aus Lärm und Pixel-Action auskommt, mit dem die Zuschauer derzeit von Hollywood penetriert werden.

Liegen lernen: Die Freunde Winnie Puuh, Ferkel, I-Aah und Tigger (v.ln.r.) entspannen am Strand.

(Foto: Laurie Sparham/Disney)

Christopher Robin, das war der Sohn des britischen Puuh-Erfinders A. A. Milne, den er in seine Bärenabenteuer als menschlichen Compagnon des Stofftierhelden hinein schrieb. Im Film ist dieser Christopher Robin, gespielt von Ewan McGregor, ein depressiver Erwachsener in der Midlife-Crisis geworden. Er arbeitet im grauen London der Vierzigerjahre in einer Reisekofferfirma. Einer der dümmsten Jobs also, die man damals hätte haben können - denn wer fuhr schon während des Kriegs in den Urlaub? Christopher muss im Auftrag seines Chefs, der als anständiger Disney-Bösewicht natürlich ein ungehobelter, neureicher Intrigant ist, eine Wochenendschicht einlegen, um sich neue Werbestrategien für die Koffer auszudenken, die keiner haben will. Deshalb schickt er seine Frau und seine kleine Tochter allein aufs Land ins Ferienhaus, und das ist im Disney-Universum natürlich der schlimmste Fall von Verwahrlosung und Kindesmissbrauch, der vorstellbar ist. Deprimiert und allein sitzt Christopher Robin auf einer Londoner Parkbank und denkt darüber nach, wie er sein Leben wieder in den Griff bekommen könnte, als wie aus dem Nichts sein alter Freund und Psychotherapeut Winnie Puuh auftaucht, um ihm bei dieser Mission behilflich zu sein. Denn gegen eine echte Midlife-Crisis hilft natürlich nur eine Rückkehr in den Märchenwald.

Der echte Christopher Robin floh vor dem vermaledeiten Bären in den Zweiten Weltkrieg

Das ist eine Odyssee, die in Hollywood schon unzählige Male erzählt worden ist, nicht nur von Disney. Steven Spielberg zum Beispiel drehte 1991 den Abenteuerfilm "Hook" über einen Peter Pan, der das Träumen verlernt hat und dringend zurück nach Nimmerland muss. Und der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster drehte 2004 mit Johnny Depp in der Hauptrolle das Drama "Finding Neverland" über den Peter-Pan-Erfinder Sir James Matthew Barrie, der das Träumen ebenfalls verlernt hatte. Das war wohl auch die entscheidende Visitenkarte, die Marc Forster nun den Regieposten bei "Christopher Robin" eingebracht hat.

Erstaunlich an seinem Film ist aber weniger, dass er sich inhaltlich nicht sonderlich frisch anfühlt, das ist in Hollywood ja nichts Neues; sondern, dass Forster und seine Drehbuchautoren dieselbe Geschichte zum hundertsten Mal erzählen, obwohl es eine spannende Alternative gegeben hätte.

Denn der echte Christopher Robin hatte es seinem Vater nie verziehen, dass er ihn unter seinem realen Namen zum unfreiwilligen Kinderstar machte, indem er ihn in seine Bücher schrieb. A. A. Milne schleppte seinen Sohn von einem Promotiontermin zum nächsten und machte ihn zu einem der ersten prominenten Opfer der modernen Celebrity-Kultur. Zum Schluss hasste Christopher Robin Winnie Puuh so sehr, dass er sich freiwillig zur Armee meldete, er zog den Zweiten Weltkrieg dem Märchenwald vor. Davon erzählte vor ein paar Monaten der Spielfilm "Goodbye, Christopher Robin" von Simon Curtis, der mit dem Eintritt des Heranwachsenden in die British Army endete - kein Happy End in Sicht. Der Christopher Robin also, der im realen Leben aus dem Krieg heimkehrte und in den Vierzigern in London lebte, war ein Kriegsveteran und Ex-Kinderstar, der vermutlich noch ein paar größere seelische Probleme im Gepäck hatte, als ein zusätzliches Arbeitswochenende für seinen Chef einlegen zu müssen. Diese Traumata spielen in der Disney-bereinigten Version seiner Biografie aber keine Rolle. Stattdessen geht es für Christopher zurück in den Hundertsechzig-Morgen-Wald, wo seine Freunde Winnie, Ferkel, I-Aah und Tigger mit der moralischen Reanimation beginnen. Ein Stofftier-Bootcamp für desillusionierte Erwachsene sozusagen, die wieder das Kind in sich entdecken sollen.

Als durchschnittlich zynischer Zuschauer ist man also sofort in Habtachtstellung ob des moralischen Zuckerwatteangriffs, der da gleich kommen wird. Nur wäre ein Disney-Film kein Disney-Film, wenn er nicht auch darauf angelegt wäre, aus durchschnittlich zynischen Zuschauern juchzende Bärenfans zu machen. Während der arme Winnie Puuh sich abmüht, seinen alten Kumpel wieder glücklich zu machen, überlistet Marc Forster das Zuschauerhirn an genau den richtigen Stellen mit den diabolischsten Niedlichkeitstricks, die man sich ausdenken kann. Nächste Station: Märchenwald.

Christopher Robin, USA 2018 - Regie: Marc Forster. Buch: Alex Ross Perry, Tom McCarthy, Allison Schroeder. Mit: Ewan McGregor, Hayley Atwell. Disney, 104 Minuten.