"Wie der Soldat das Grammofon repariert" Als alles gut war - vor dem Krieg

In dieser Kinderperspektive, wo alles Erzählen automatisch etwas Magisches bekommt und trotz aller Schrecknisse immer auch heiter bleibt, liegen die Grenzen des Romans von Saša Stanišic, und man merkt es, wenn das Bürgerkriegsgeschehen, das Gemetzel in Bosnien und in der schönen Stadt Visegrad an der Drina näherrückt. Das ausufernde Erzählen, das sich an sinnlich fassbaren Situationen festmacht und sich an Anekdotischem berauscht, lässt sich mit den grauenhaften Geschehnissen immer weniger in Einklang bringen.

Saša Stanišic: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München. 315 Seiten, 19,95 Euro.

(Foto: Foto: Luchterhand Verlag)

"Als alles gut war" - kleiner Roman im Roman

Im Keller des Hauses, in denen die Bewohner und viele Flüchtlinge Unterschlupf suchen, gibt es noch einmal eine märchenhafte, traumwandlerische Begebenheit: das Flüchtlingsmädchen Asija, das seine Eltern verloren hat und mit seinen schönen blonden Haaren Aleksandars Wahrnehmung beherrscht, steht dabei im Mittelpunkt. Dann bricht aber die Chronologie der Ereignisse ab, Aleksandar findet sich in Essen wieder, und die folgenden Kapitel, die sprunghaft fast ein Jahrzehnt überbrücken, bestehen aus kurzen, verzweifelten Briefen Aleksandars an diese unerreichbare, vielleicht irgendwo in Sarajewo gestrandete Asija, die zum Inbegriff von Trauer und Sehnsucht wird.

Diese Briefe an Asija zeigen das Dilemma des Romans: er bricht ab, wenn die kindliche Sprache nicht mehr richtig trägt, und versucht, das Fehlen weiterer Erzählmöglichkeiten durch Verlassen des Zeitkontinuums, durch eine neue Perspektive zu ersetzen. Als auch das, recht schnell, ausgeschöpft ist, beginnt ein kleiner Roman im Roman, eine Sammlung von Erzählungen aus der Zeit, "als alles gut war": da wird wieder der Bogen geschlagen zur Zeit des Beginns, zu den in sich geschlossenen Geschichten aus der Kindheit, die bleiben werden.

Einige davon sind recht schön. Die Geschichte, wie ein zwei Meter langer Wels aus der Drina gefischt wird, ist mit ihren Verwicklungen und überraschenden Wendungen eine wunderbare Lesebuchgeschichte für die Unterstufe - überhaupt die Drina: der Fluss, wenn man sich nur einige Zeit lang mit ihm intim vertraut macht, beginnt zu sprechen und den Kern der menschlichen Existenz auszudrücken.

Einige suggestive Passagen des Romans bleiben in Erinnerung, Stanišic kann phantasievoll Szenen ausmalen und Wirkungen entfalten. Und gegen Ende des Buches, als die Chronologie wieder einsetzt und Geschichten aus dem Krieg erzählt werden, wird die Beschreibung eines Fußballspiels zum Glanzstück. Mitten im Stellungskrieg in Bosnien wird hin und wieder ein kurzer Waffenstillstand ausgerufen, und die verfeindeten Parteien beginnen, wie man es aus abenteuerlichen Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg kennt, Fußball gegeneinander zu spielen: Irrwitz, Magie, Surrealismus und dann wieder schonungsloseste Wirklichkeit gehen hier manchmal unmerklich, manchmal aber auch deutlich spürbar ineinander über.

Hier merkt man, dass Stanišic "etwas kann". Allerdings reichen solche Fähigkeiten nicht immer aus. Vor allem, wenn man seinen Roman mit Büchern wie etwa "Der nächtliche Rat" von Dzevad Karahasan vergleicht, der ebenfalls von den Traumata des jugoslawischen Bürgerkriegs erzählt, merkt man den Unterschied. Einmal fällt bei Stanišic der Satz: "Karl Marx hat keinen einzigen traurigen Satz geschrieben." In seiner Schreibhaltung, die kindlich, ein bisschen naiv und verspielt von der Trauer handelt, wirkt dieser Satz richtig und konsequent. Aber es ist halt nicht wahr.