"Wie der Soldat das Grammofon repariert" Als alles gut war - vor dem Krieg

Aus der Kinderperspektive erzählt Saša Stanišic vom Bosnienkrieg und wie sich die Menschen dadurch verändert haben. Sein Roman besticht durch die bildhafte Sprache, stößt genau damit aber auch an seine Grenzen.

Von Helmut Böttiger

Bei diesem Buch, das es auf die Shortlist zum Deutschen Bücherpreis 2006 geschafft hat, sind viele Einwände denkbar. Und trotzdem beschleicht einen sofort das Gefühl, keiner dieser Einwände könne Bestand haben. Alles stimmt: der Stoff, die Tragik, die leichte und süffige Sprache, die umso leichter und süffiger werden kann, je bedrohlicher der Hintergrund anschwillt.

Saša Stanišic

(Foto: Foto: Luchterhand Verlag)

Der Autor Saša Stanišic wurde 1978 im bosnischen Visegrad geboren und kam als Vierzehnjähriger 1992 nach Heidelberg. Der Held seines Romans ist genauso alt, wächst in Visegrad auf und befindet sich als Vierzehnjähriger in Essen, an der Ruhr. Die autobiografische Folie dieses auf deutsch geschriebenen Buches ist unverkennbar, und die Trennlinie zwischen konkreten Erfahrungen und fiktiver Verarbeitung bleibt dabei manchmal besonders kunstvoll offen.

Es geht immer wieder um "gute Geschichten"

Schon in den ersten Sätzen wird klar, dass die Handlung unweigerlich auf den jugoslawischen Bürgerkrieg hinausläuft, und zwar auf den Krieg an besonders umkämpften Orten, an denen mit keiner einheitlichen Bevölkerungsstruktur. Aber alle konkreten Andeutungen sind zunächst ausgespart, und wir geraten in eine eigentümliche Erzählhaltung, die zu allem in Widerspruch zu stehen scheint, was da noch kommen wird.

Es ist eine märchenhafte, entrückte Sprache, die die Perspektive eines Heranwachsenden einnimmt. Das fängt mit Opa Slavko an, der wie aus dem Bilderbuch daherkommt und dem Ich-Erzähler - er heißt Aleksandar - einen Zauberhut aufsetzt. Und dann treten Tante Taifun auf, die achtmal schneller läuft und vierzehnmal hektischer redet als der Durchschnitt der Menschheit, das Dorf Velotovo oben am Berg, zu dem nicht mal eine Straße hinführt und wo die mythisch anmutenden Urgroßeltern fast alle ihre Kinder zu überleben scheinen. Danach folgt ein Merksatz, der die Tonlage dieses Buches umspannt: "Onkel Bora wiegt so viel, wie meine Urgroßeltern alt sind."

Zigeunermusik, Brustorden und die köstlichen Hackfleischpflaumen: Etwas Leichtes, Beschwingtes liegt in diesem Erzählen, und es umfasst auch den Schrecken, der im ersten Kapitel unvermutet eintritt: Opa Slavko stirbt beim Fernsehen auf dem Sofa, und wir erfahren in den folgenden Kapiteln, wie wichtig Opa Slavko gewesen ist. Er steht für die Geborgenheit einer alten Zeit, für die Geborgenheit der Kindheit und des Erzählens - das Erzählen übernimmt der Enkel vom Opa, es geht immer wieder um "gute Geschichten", und das vorliegende Buch unternimmt den Beweis, dass gute Geschichten immer weiter erzählt werden können, auch durch alle historischen Grausamkeiten hindurch.

Mit dem Tod des Opas stirbt, das ist der unmissverständlich deutliche Zeitrahmen des Buches, auch die gute alte Zeit, es ist die entscheidende Zäsur. Mit diesem Tod stirbt symbolisch auch der "Bund der Kommunisten" Jugoslawiens, dem sich Opa Slavko auf etwas exzentrische, aber doch grundsympathische und organische Weise zugehörig fühlte, und Marschall Tito stirbt in der Folge gleich drei Tode, die der Schüler Aleksandar bilderreich nachzeichnet.