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Werk der Wahl:Grüne Architektur

Stefan Höglmaier findet Tita Gieses "Hängende Gärten" in den Fünf Höfen identitätsstiftend

Protokoll Von Evelyn Vogel

Mit den "Hängenden Gärten" hat die Künstlerin Tita Giese der Münchner Innenstadt eine besondere Identität geschenkt. Die Installation aus Grünpflanzen hat sich nachhaltig im städtischen Bewusstsein verankert. Und wann immer ich hier durchgehe, nehme ich die Fünf Höfe dadurch auch als etwas Besonderes wahr.

Ganz besonders schön finde ich es, wenn man vom Perusahof kommt und dann in die Salvatorpassage einbiegt. Von hier aus hat man den schönsten Blick auf die Pflanzen, die von der Decke fallen, auf die Ranken, die in unterschiedlichen Höhen enden. Ich fühle mich hier immer wie in einem Gewächshaus. Die Beleuchtung hängt ebenfalls in verschiedenen Höhen. Daraus entwickelt sich ein Licht- und Schattenspiel. Und dieses wird zusätzlich von den Glasflächen der Geschäfte reflektiert. Aus der Ferne wirken die Lichter zwischen den Pflanzen beinahe wie glitzernde Regentropfen.

Bei all dem verschwimmt das Gefühl von Drinnen und Draußen. Im Perusahof fühlt man sich wie in einer geschlossenen Passage. Tatsächlich aber ist man im Freien, denn er ist oben größtenteils offen. Das merkt man oft erst, wenn man bei Regen durchgeht. Dann kommt man hierher und sieht sich diesem Grün gegenüber, und das assoziiert man natürlich gleich mit Natur, also mit draußen.

Tatsächlich aber ist man dann drinnen, denn die Salvatorpassage ist oben geschlossen. Auch deshalb finde ich den Rhythmus der Höfe und Passagen so gelungen. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen tatsächlichem und gefühltem Drinnen und Draußen.

Hängende Gärten von Tita Giese in den Fünf Höfen

Unter hängenden Gärten: Passanten in der Einkaufspassage Fünf Höfe an der Theatinerstraße.

(Foto: Florian Peljak)

Die "Hängenden Gärten" definieren für mich in ganz besonderer Weise den urbanen, innerstädtischen Raum. Ich gehe oft hier durch. Ich durchkreuze den Stadtraum auf meinem Weg zu Terminen, weil diese Passage so viel ruhiger und angenehmer ist als andere. In anderen Einkaufspassagen - und da gibt es einige ungute Beispiele in München - wummert und flimmert es permanent.

Diese hier strahlt zwar Geschäftigkeit aus, hat aber einen Ruhepol durch die Natur. Die Installation hat die Kraft, den Geschäften und der Werbung wirklich etwas entgegen zu setzen. Alles Laute und Marktschreierische weicht zurück angesichts dieser in meinen Augen sehr geglückten Symbiose aus Architektur und künstlerischem Entwurf. Man muss sich nur mal vorstellen, wie die Salvatorpassage wirken würde ohne Gieses "Hängende Gärten". Relativ banal vermutlich.

Die emotionale Qualität des urbanen Raumes wäre weg, und die Passage würde in die Beliebigkeit abgleiten. Aber ich bin überzeugt, dass die Architekten Herzog & de Meuron schon in einem frühen Stadium der Planung darüber nachdachten, wie man die Passage nach oben begrenzt. Der Wegeverlauf spielt übrigens auch eine wichtige Rolle. Der Boden fällt erst ein Stück ab, um dann wieder anzusteigen. Die Pflanzen kommen einem also zusätzlich in unterschiedlichen Höhen entgegen. Fast wellenartig nähern sie sich dem Betrachter und er sich ihnen.

Stefan F. Höglmaier für Werk der Wahl, Tita Giese, Hängende Gärten

Schon früh entdeckte der Münchner Stefan F. Höglmaier seine Leidenschaft für Architektur. In dem von ihm umgebauten Hochbunker an der Ungererstraße hat er 2014 den Kunstraum BNKR eingerichtet.

(Foto: Dennis König)

Ich glaube, es ist wichtig, der Natur Platz einzuräumen. Sie bereichert Räume, drinnen wie draußen. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er einen Bezug zu Pflanzen hat. Grün ist wichtig, damit man sich wohl fühlt. Ich denke, dass die Menschen, die sich hier aufhalten - egal ob sie nun arbeiten, einkaufen oder einfach nur flanieren - eine besondere Identität spüren. Deshalb besteht auch keine Gefahr, dass die Fünf Höfe irgendwann einem austauschbaren, modischen Zeitgeist angepasst werden müssten.

Hängende Gärten von Tita Giese, Fünf Höfe, Salvatorpassage, jederzeit zugänglich. Aktuelle Ausstellung: "Urban Shelter" von Annett Zinsmeister; Künstlergespräch: Donnerstag, 8. Dezember, 19 Uhr.​

© SZ vom 07.12.2016
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