Werk der Wahl Ertrinken im Zeichen des Geldes

Rita Süssmuth fühlt sich von einem Werk Keith Harings an Bootsflüchtlinge erinnert, die übers Meer kommen

Dieses riesige Bild irritiert, provoziert, es braucht Zeit fürs Verstehen. Einen dunklen Untergrund durchzog der Künstler Keith Haring mit chaotisch und fast irisierend kräftigen gelb-roten Strichen und Kreisen. Ich meine, ein Schiff zu erkennen. Aus dessen Unterseite fallen Menschen. Mit hochgestreckten Armen scheinen sie um Hilfe zu schreien. Ein großes Dollarzeichen schwebt über ihnen: Sie ertrinken im Zeichen des Geldes.

Ein kundiger Experte hilft mir bei der weiteren Erschließung des Bildes: Abgeschnitten vom oberen Bildrand sind zwei Augen zu erkennen. Das Dollarzeichen sitzt auf der Spitze einer Nase mit geblähten Flügeln, ja Nüstern; das Boot sei ein riesiges Maul mit riesigen Zähnen.

Dass ich in diesem Chaos eine Schiffshavarie zu erkennen meine, liegt nahe. Nichts hat mich in den vergangenen Monaten mehr berührt als die Bilder des Leids von Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer: ihr vieltausendfacher Ertrinkungstod nach kaum vorstellbaren Odysseen erst durch Wüsten, dann übers Meer, skrupellosen Menschenschmugglern ausgeliefert. Das schockiert, konfrontiert mit notwendigem schnellen Handeln. Rettung ist das zwingende Gebot.

Gesellschaftskritisch sind fast alle der ausgestellten Bilder von Keith Haring. Die virulenten Themen seiner Zeit, der Achtzigerjahre, stellen sich uns 2015 in dramatisch zugespitzter Weise. Es geht um Rassismus, Diskriminierung, Umweltzerstörung. Antworten sind nicht allein von der Politik, sondern von uns allen gefordert. Wir können mehr Menschen retten, wenn wir es wollen. Das Dollarzeichen mahnt: Wirtschaftliche Interessen dürfen humanitäre Verpflichtungen nicht verdrängen. Vielleicht wollte Keith Haring damals tatsächlich auf das Schicksal der vielen kubanischen und haitianischen Bootsflüchtlinge in die USA aufmerksam machen?

Oder bezog er sich auf die Cap Anamur, das Hospitalschiff, das Tausende vietnamesischer Boatpeople aus dem Südchinesischen Meer rettete? 1982, als er dieses Bild malte, wurde das Boot von der deutschen Regierung stillgelegt. Zum Glück war die Empörung der deutschen Öffentlichkeit darüber so groß, dass Rupert Neudeck wenig später mit seinem "Schiff für Vietnam" weitere Menschen retten und ihre Einbürgerung in Deutschland vorbereiten konnte.

Rita Süssmuth war in den Bundesfamilieministerin, zehn Jahre Präsidentin des Deutschen Bundestags. Sie ist Ehrenvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung.

(Foto: Jan Voth/oh)

Keith Haring hat den meisten seiner Bilder keinen Titel gegeben, um niemandem eine Interpretation aufzuzwingen. War das Werk von ihm fertiggestellt, sollte es an jedem einzelnen Betrachter sein, es je für sich zu vollenden. Bei mir ist dieses Konzept einer Kunst, die Angebote, aber kaum Vorgaben macht, aufgegangen. Die wirren Linien dieses riesigen Bildes funktionieren wie Wolkenformationen: Sie lassen mir Freiraum, mich selber und das, was mich gerade bewegt, mit dem Bild zu verbinden.

Dieses Bild bleibt für mich verbunden und haften mit dem Los von Flüchtlingen, mit den Opfern von Gewalt und Krieg, von Armut und Vertreibung. Das war zweifellos auch die Botschaft Harings. Sie ist hoch aktuell.

Keith Haring: Gegen den Strich, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, bis 30. August, geöffnet täglich 10-20 Uhr