Was ist deutsch? Es ist viel einfacher, Flüchtlingen und Migranten ein Narrativ abzuluchsen

Ich sehe in dieser angeblichen Ausweglosigkeit eine große Kränkung. Denn anders als beim Eigenen ist es viel einfacher, Flüchtlingen und Migranten ein Narrativ abzuluchsen, weil sie der personifizierte Unterschied sind, weil ihre Andersheit selbst das Narrativ darstellt, während das Eigene spätestens dann verschwindet, wenn man es benennt.

Es ist leicht, eine Geschichte über den Muslim zu erzählen, über den dunklen Menschen, über sein Leid, seine romantische Verfasstheit und seine orientalische Anziehungskraft, ebenso wie über seine orientalische Minderwertigkeit. Es ist aber fast unmöglich, dasselbe über das Eigene zu tun - übers Deutsche oder Europäische, über das Abendland oder den zivilisierten Westen.

Der Hinweis auf das Grundgesetz

Das liegt daran, dass sich das Andere und Fremde schon durch seine Differenz als Information lesen lässt, während man beim Eigenen auf so viel Differenzen stößt, dass es nicht mehr als Identität sagbar ist. Da das nicht gelingt, wird oftmals versucht, das Eigene nicht mehr kulturell zu definieren, sondern mit einem Hinweis auf das Grundgesetz, in dem die Fremden angeblich lesen können, wie man sich hier in Deutschland angemessen zu verhalten habe.

Genauer besehen, müsste das die Kränkung aber noch erhöhen. Denn neben der Staatsorganisation formuliert das Grundgesetz vor allem Grundrechte, die den Bürger gegen die Willkür von Hoheitsträgern schützen - und übrigens auch abweichende Lebensformen, das Fremde, auch das, was nicht gefällt, unter Schutz stellen. Dass Bürgerinnen und Bürger die Gesetze einhalten müssen, ist daneben nur ein schwacher Hinweis auf das Eigene - denn das ist selbstverständlich, sonst wären die Gesetze keine Gesetze. Das Besondere an Rechtsnormen ist, dass sie auch dann gelten, wenn sie übertreten werden. Sonst bräuchte man sie nicht.

Das "Hier" wird zu einem "Wir" durch gesellschaftliche Selbsterfahrung

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Was also ist das Deutsche? Hier zu leben. Mehr sollte man darüber nicht sagen müssen. Es kann heute, in einer pluralistischen, globalisierten Gesellschaft keine starke und exklusive Selbstverortung mehr sein. Das "Hier" wird zu einem "Wir" nicht durch kulturelle Oktroys, sondern durch gesellschaftliche Selbsterfahrung, durch eine alltägliche Praxis, die man durch geeignete Maßnahmen auch Einwanderern ermöglichen muss - durch Teilhabe an Bildung, am Arbeitsmarkt, am konkreten Leben.

Das Attraktive an modernen Lebensformen ist, dass sie mit möglichst wenig Bekenntnissen auskommen können. Daran muss sich jeder orientieren, der Einwanderung gelingen lassen will - und zwar nicht nur Einwanderung, sondern auch das Leben der Autochthonen!

Indifferenz zelebriert als Ureigenes

Erstaunlicherweise wissen die Terroristen von Paris - übrigens auch die von Beirut, denn die meisten Opfer des so genannten Islamischen Staates sind Muslime - was "unser" Eigenes ist, gegen das sie bomben. Es ist jene Lebensform, die auf gemeinsame Bekenntnisse so weit wie möglich verzichten kann. Es ist eine Lebensform, die es nicht nur aushält, dass es in ihr eine gewisse Indifferenz und Interesselosigkeit darüber gibt, wie die unterschiedlichen Gruppen und Milieus leben. Sie greifen eine Gesellschaft an, die dies gar nicht als Defizit erlebt, sondern als ihr Ureigenes zelebriert.

Es ist eine Gesellschaft, die sogar Leute aushält, die am Ende zu Mördern werden. Das ist die unglaubliche Paradoxie, die sich gerade abspielt.

Dass dieses Eigene in unserem Fall dann ein deutscher und ein europäischer Kontext ist, der die gesellschaftlichen Selbsterfahrungen Deutschlands gar nicht loswird und -werden will, ist selbstverständlich. Seien wir etwas selbstbewusster, wir Deutsche: als ein Einwanderungsland, das in den letzten Jahrzehnten auch ohne explizite Einwanderungspolitik einen erstaunlich inklusiven Charakter gezeigt hat; als ein Land, dessen kulturelle Potenz offensichtlich ausreicht, mit mehr kultureller Differenz zu leben, als es in Generationen vor uns der Fall war; auch als ein Land, das von außen offensichtlich für attraktiver gehalten wird, als es von innen erscheint. Wer da nur an materielle Versorgung denkt, hat nicht verstanden, was an Deutschland derzeit attraktiv ist.

Was sagen wir Deutsche?

Machen wir uns nichts vor: Diese Fragen sind nicht akademisch. Die derzeitige Flüchtlingssituation ist nur der Vorbote einer Welt, in der die globalen Verwerfungen, aber auch Vernetzungen und Möglichkeiten überall sichtbar werden. Wir, wir Deutsche, müssen uns darauf einstellen und weniger fragen, wer wir sind, sondern wie wir als eine zukünftige Einwanderungsgesellschaft operieren wollen. Je selbstbewusster wir damit umgehen, desto weniger werden wir jene "Identität" verlieren, die uns die Vorkämpfer des Identitären nicht einmal erklären können.

Armin Mohler, der rechte Vordenker des Antiliberalismus, hat einmal geschrieben: "Was ich den Liberalen nicht verzeihe, ist, dass sie eine Gesellschaft geschaffen haben, in der ein Mensch danach beurteilt wird, was er sagt - nicht nach dem, was er ist." Das ist es, was in den Köpfen der Menschen fester verankert ist, als es verträglich ist. Lassen wir also die Nietzsche-Frage hinter uns und fragen uns nicht, was deutsch ist, sondern was wir Deutschen sagen - und beurteilen wir uns danach. Das wäre ein Anfang. Vielleicht fallen uns dann ganz andere Geschichten über uns ein. Und vielleicht überwinden wir dann auch die Kränkung, dass es viel leichter ist, über die Anderen, über die Fremden, über die Dunklen und die Bedrohlichen Geschichten zu erzählen als über uns selbst.