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Vorschlag-Hammer:Zeitreisen

In Berlin haben Münchner Musiker bewiesen, dass auch in der Musik die Zukunft nur zu gewinnen ist, wenn man die Vergangenheit kennt

Von Oliver Hochkeppel

Manchmal muss man Münchner Musikern nachreisen, um sie Dinge machen zu sehen, die sie hier nicht tun können. Beim "Jazz at Berlin Philharmonic" widmete sich unter Leitung des Oberhachinger Stride-Pianisten Bernd Lhotzky und seiner Echoes of Swing eine eigens zusammengestellte Band dem Vermächtnis von Bix Beiderbecke, dem zu Unrecht fast vergessenen tragischen Pionier des Jazz. Dort traten auch der bayerische Brite Pete York am zweiten Schlagzeug und der Quadro-Nuevo-Kopf Mulo Francel am seltenen C-Melody-Saxofon (das er einmal versehentlich auf einem New Yorker Flohmarkt kaufte) an. Dieses illustre Ensemble bewies schlagend, dass auch in der Musik die Zukunft nur zu gewinnen ist, wenn man die Vergangenheit kennt. Weil man die aufwendigen und interessanten Arrangements ausführlich im Studio probte, gibt es von diesem einmaligen Konzertabend bereits ein bei Act erschienenes Studioalbum. Das besonders empfehlenswert ist, weil den Interpretationen dieser Band auf einer zweiten CD die Originalaufnahmen Beiderbeckes gegenübergestellt sind.

Fast ein Wunder, dass Mulo Francel dafür Zeit hatte, ist er doch mit Quadro Nuevo und anderen Projekten wie seinem Jazz-Quartett oder den Abenteurern so ausgiebig beschäftigt und unterwegs wie wenige - vielleicht weil es an seinem Geburtstag war. Immer noch sehr empfehlenswert sind die Ergebnisse der Tango-Spurensuche von Quadro Nuevo in Buenos Aires aus dem vergangenen Jahr, einmal das Hörbuch "Lieben Sie Tango?" über ihre Erlebnisse und dann das pure Musikalbum "Tango". Mit diesem Programm sind die vier am 25. September auf Gut Staudham in Wasserburg und am 29. beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen zu sehen.

Für eine andere Reise in die musikalische Vergangenheit speziell des Münchner Westens muss man nicht reisen. Noch heute erinnern sich dort viele an die Southern-Bluesrock-Band Creepy Layne, die wohl legendärste Schülerband des Karlsgymnasiums in den späten Siebzigern. Wohl auch deshalb, weil ihr Pianist und Keyboarder Ludwig Seuss nach der Trennung 1982 - zuvor hatte man noch in Florida ein nie veröffentlichtes Album eingespielt - als Profi Karriere bei Nick Woodland, der Spider Murphy Gang und mit seiner eigenen Band machte. Einige blieben auch dem Gitarristen Robert "Ramirez" Ramisch verbunden, der als Semiprofi in diversen Bands von Blues über Country bis zu Heavy Rock spielte, zuletzt mit Sworn Iron, und immerhin auch auf Truppenbetreuung in Afghanistan. Mit dem Bassisten Bernhard Huebl, und um den damaligen Nick-Woodland-Drummer Fats Fries verstärkt, hat man sich nach 35 Jahren als Robert Ramisch Bluesband noch einmal zusammengetan. Unter Seuss' Regie wurde sogar geschwind ein Album aufgenommen und jetzt spielt man am Samstag, 24. September, in der Pasinger Fabrik erstmals wieder live. Das ist nicht nur für ehemalige Karlsgymnasiasten ein Ereignis.

© SZ vom 23.09.2016

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