Vorschlag-Hammer Von der Rolle

Wenn auf der Toilettenpapierpackung "Mit zuckersüßem Zuckerwatteduft" steht, ist dies ein unbedingt ernst zu nehmender Warnhinweis

Von Christian Jooß-Bernau

Konversationsthema Klopapier: Da der Betreiber meines Supermarktes gewechselt hat, war die gewohnte Toilettenpapierhausmarke nicht mehr vorrätig. Ich griff zu Neuem und stellte zu Hause fest, dass der Warnhinweis "Mit zuckersüßem Zuckerwatteduft" ernst zu nehmen war. Auf unserer Toilette riecht es jetzt wie auf dem Rummelplatz. Was mich derzeit unschön an mein problematisches Verhältnis zur Wiesn erinnert, in deren gruppendynamischem Sog ich mich immer fremd fühlte. Würde ich mich überwinden können, ich würde auf die Oide Wiesn gehen und dort am Freitag ins Herzkasperlzelt, wo die Express Brass Band spielt, eine Blaskapelle, die eine multikulturelle Stadt wie München schmückt. Trance statt Schunkelei. Auch daheim aber kann man zu ihrem Album "Pluto Kein Planet" ganz wunderbar Bier trinken.

Auf dem Zuckerwatte-Klopapier springen Einhörner mit rosa Mähnen unter oder über einem Regenbogen. Sterne rieseln. Der Sinnspruch "Believe in your dreams" rundet die Komposition ab. Hat die Marketingabteilung dieses Produktes ernsthaft vierjährige Mädchen mit Englischkenntnissen als zielrelevante Käufergruppe ausgemacht? Die einzige Lösung: Diese Produkt ist Camp, also ein Produkt jener Kunstform, die zwischen Pop und Pomp, Ernst und Unernst immer noch eine Ebene fand, auf der die Dinge ohne Vorurteil und mit einem liebevoll ironischen Zug in den Mundwinkeln betrachtet werden durften. Gerade die Kombination von Camp und schwuler Kultur steht auch heute noch in wunderbarem Gegensatz zu reaktionären Strömungen, in denen die Feiglinge mitschwimmen, denen Freiheit Angst macht. Aus genau diesem Grund mag ich Klaus Nomi, Boy George, Marc Almond, Rufus Wainwright und Antony, der mittlerweile Anohni heißt. Und ich mag Conchita Wurst (2. Oktober, Circus Krone) und den Song "Out of Body Experience" von ihrem letzten Album, der Operette und arabische Klänge zu einer Art Neo-Psychedelic-Pop zusammenbringt. Es gibt Stellen, an denen das Album mit Disco-Pop-Füllmaterial aus der Massenproduktion ordentlich durchhängt, aber die Idee, die Dame mit Bart für die Popmusik wiederzuentdecken, ist nach Jahren noch gut: Da holt sich diese voyeuristisch ausgenutzte Figur aus dem Abnormitätenkabinett singend ihre Würde zurück.

Abseits des heterosexuell Normativen, wie man so schön sagt, singt auch Beth Ditto (Mittwoch, 27. September, 20 Uhr, Muffathalle), bis vor Kurzem Frontfrau von The Gossip. Als Beth sich in die Show der postmoralischen Model-Gouvernante Klum einladen ließ, um dort das Alibi für eine ansonsten rundweg gestörte Körperwahrnehmung zu geben, ging sie mir auf die Nerven. Ihr Solo-Album "Fake Sugar" aber lässt sich schon im Titelsong mit dem Rock-Soul-Minimalismus der E-Gitarre richtig gut an. Dass es zwischenrein mal nach Zuckerwatte riecht - geschenkt. Beth hat die Liebe gefunden und lebt mit ihrer Frau Kristin Ogata auf Hawaii. Möglicherweise unter einem Regenbogen, über den dann und wann ein Einhorn springt.