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Vorschlag-Hammer:Mehr Dampf

Nein! Halt! Stop! Ich bin noch nicht so weit, das Jahreswerk ist noch lange nicht getan. Trotzdem sind sie gnadenlos hereingebrochen: die Adventskonzerte, die Weihnachtslesungen, der Barocktrompeter-Wahnsinn

Nein! Halt! Stop! Ich bin noch nicht so weit, das Jahreswerk ist noch lange nicht getan. Trotzdem sind sie gnadenlos hereingebrochen: die Adventskonzerte, die Weihnachtslesungen, der Barocktrompeten-Wahnsinn. Wie dem entrinnen? In den Zug steigen und einfach davonfahren? Zeitreise rückwärts? Wenn man hier im Hochhaus der SZ sitzt, scheint das eine realistische Option, mehrmals am Tag zischt und pfeift es unten auf den Schienen vor den Fenstern der Südseite. Fröhlicher schneeweißer Dampf steigt auf. Doch bei genauerer Betrachtung ist's mit der Flucht nicht weit her: Bei dem Stahlross dort unten handelt es sich um die Weihnachtsdampflok.

Organisiert vom Bayerischen Eisenbahnmuseum fährt sie am 12. und 13. Dezember mit 2000 PS und für jedermann zugänglich rund um München. Weg vom Glühweinnebel kommt man auf diesem Wege aber nicht. Im Gegenteil, an Bord gibt es Stollen, und ein Nikolaus verteilt Geschenke an Kinder. Die Rundfahrten beginnen Samstag und Sonntag jeweils um 10, 11.30, 13.30 und 15 Uhr am Ostbahnhof. Tickets können direkt beim Schaffner gekauft werden.

Schaffner! Das endlich ist das ideale Stichwort: Garantiert weihnachtsfrei ist nämlich die Geschichte des Shi Hui. Der machte im vorigen Jahrhundert, als es im Alltag noch Dampfloks gab, eine Lehre als Zugbegleiter im Nordosten Chinas. Diese zwei Jahre, in denen er in den Zügen unterwegs war, prägten ihn so sehr, dass er in seiner späteren beruflichen Laufbahn davon zehrte. Denn Züge waren in diesem Teil des Landes, der nach 1931 unter japanischer Besatzung stand, eine Art rechtsfreier Raum. Shi Hui lernte in ihnen alle Facetten menschlichen Leids und Gewalt kennen: Brände, Raub, Vergewaltigung und Mord - das ideale Rüstzeug also, um Theatermann und Filmemacher zu werden. Vom Amateur-Schauspieler entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Autoren und Regisseure im China der Vierzigerjahre - bis zu seinem plötzlichen, gewaltsamen Verschwinden im Shanghaier Exil. Das Münchner Filmmuseum widmet Shi Hui derzeit die erste Retrospektive weltweit (bis März 2016). Der nächste Film der Reihe trägt den Titel Die Ehefrau lebe hoch (Mittwoch, 16. Dezember, 21 Uhr). Darin geht es um die schöne Shizen, deren glückliche Ehe ins Chaos gerät, als ihr Mann auf eine Trickbetrügerin hereinfällt. Der, nebenbei bemerkt, auch unglaublich schöne Shi Hui spielt darin den geizigen Schwiegervater.

Nach dieser flammenden Rede für das historische Kino bleibt nur Platz für einen kurzen Vorschlag aus der Welt der modernen Klassik: Der feurige Engel von Sergej Prokofjew an der Bayerischen Staatsoper. Wer hinter diesem Titel dann doch noch das Rauschgold in dieser Kolumne vermutet, der irrt. Es geht darin ausschließlich um den Rausch einer sexuellen Obsession. Und es gibt noch Karten für Samstag. Das ist besser als alles, was hinterm Adventskalendertürchen sonst warten könnte.

© SZ vom 10.12.2015
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