Vorschlag-Hammer Gescheitert

Menschen, die sich in Afghanistan auskennen, rieten mir davon ab, nach Kabul zu fliegen. Und ich bekam Angst vor der Solidarität

Von Egbert Tholl

Nein, ich bin nicht nach Kabul geflogen, ich hatte Angst vor der Solidarität. In den vergangenen Tagen führte ich Gespräche mit Menschen, die sich dort viel besser auskennen als ich, was keine große Kunst ist. Aber die, mit denen ich sprach, wissen wirklich Bescheid. Unter diesen war keiner, der nicht mehr oder weniger der Meinung war, ich sei von allen guten Geistern verlassen, flöge ich dort hin. Dazu passt eine aktuelle Stellungnahme des Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann: "Angesichts der unverändert prekären Sicherheitslage genehmigt das Goethe-Institut zurzeit keinerlei Dienstreisen und Reisen ausländischer Experten oder Künstler nach Kabul." Was das für Pouya und Albert Ginthör, sollten sie tatsächlich in Kabul ankommen müssen, wonach es derzeit ausschaut, bedeutet, will man sich lieber nicht ausmalen.

Also erzähle ich etwa ganz anderes. Anfang April 2013 hatte an den Münchner Kammerspielen Tschechows Onkel Wanja Premiere, Johan Simons hatte die Produktion zweieinhalb Wochen zuvor von der erkrankten Karin Henkel übernommen und Anna Drexler wurde darin als Sonja zum Jungstar. Nun kann man am Schauspielhaus Zürich erleben, was Henkel damals vielleicht im Sinn hatte. Dort kam ihr "Onkel Wanja" nun heraus. Nichts hat er gemein mit der Inszenierung von Simons. Es ist ein Abend voller Musik, in einem tänzerischen Rhythmus, ungeheuer verführerisch. Das Nichtstun hier ist kein Tschechow-Museum, es meint heutige Lethargie. Siggi Schwientek ist darin ein wunderlicher Wanja, ein Wesen wie aus einer anderen Welt; Carolin Conrad ist eine herzzerreißend traurige, aber auch ungeheuer zupackende Sonja. Herrliche Gestalten spielen gegen das bald schmelzende Eis auf der Bühne an, Menschen wie der mürbe Markus Scheumann oder der lichte Tor Alexander Maria Schmidt. Also nicht mehr auf nach Kabul, sondern nach Zürich, wofür auch kein Mut nötig ist.