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Vorschlag-Hammer:Gallwespen und parasitäre Würmer

Gerade entdecke ich die Welt der Maschine für mich, mit meinem ersten semimodularen Synthesizer - was übersetzt bedeutet: Bastelspaß mit Erfolgsgarantie

Klangfarben sortieren ist eine Abende füllende Beschäftigung. Den VCA mit dem Gate-Ausgang zu triggern, den LFO zum VCO zu mischen ... Synthie-Experten können da nur müde lächeln. Aber ich entdecke gerade die Welt der Maschine für mich, mit meinem ersten semimodularen Synthesizer - was übersetzt bedeutet: Bastelspaß mit Erfolgsgarantie. So fotografiere ich nun Steckverbindungen, notiere Poti-Einstellungen, um mit mangelndem Ordnungsgefühl alles durcheinanderzuwerfen. Parallel dazu lese ich Christopher Kemps gerade bei Kunstmann erschienenes Sachbuch Die verlorenen Arten. Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen. Und erkannte: Töne sortieren ist für Einsteiger, der Profi ist Taxonom, zieht Schubladen auf und entdeckt mit unbestechlichem Blick die Gallwespenart, die noch keinen Namen hat. Ich liebe jedes Kapitel, weil es das Staunen lehrt. Über Forscher wie Olaus Murie, der einen toten amerikanische Pfeifhasen aufklaubte, um nachzusehen, was darin ist, weil er ein Faible für parasitäre Würmer hat. Oder die Engländerin Mary Kingsley, die 1893 nach Afrika aufbricht, im heutigen Ghana durch den Urwald streift und das einzige uns bekannte Exemplar von Pseudictator kingslayae fängt, einem riesigen schillernden Bockkäfer. Gäbe es solche wundervollen Menschen nicht, wir wüssten weniger noch, als wir eh nur wissen.

Manchen Forschern reicht allerdings schon der Blick in den Spiegel. Ob die eingehende Selbstbetrachtung eher der Erkenntnis oder der Eitelkeit dient, war mir beim Besuch der Jim-Dine-Ausstellung I never look away im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer erst nicht ganz klar. Die Wiederholung des Immergleichen aber ist in den Selbstporträts des Amerikaners Selbsttranszendierung. So wird der Blick frei auf Papierwahl, Pinselwut, Kohlestrich und den Einsatz einer Schleifmaschine. Ist es dann wenigstens leichter, sein Gegenüber zu erkennen, als sich selbst? Wer Willnot, gerade bei Liebeskind erschienen, gelesen hat, zweifelt daran. Eine Grube voller Leichen, ein heimgekehrter Scharfschütze und der Ich-Erzähler Lamar Hale, ein Arzt, der die Menschen einer amerikanischen Kleinstadt zusammenflickt. James Sallis, der mich schon mit "Driver" beeindruckt hat, ist ein großer Stilist, der fast alle seine Figuren auf eine Weise neben sich treten lässt, dass die Dinge so bedrängend bedeutsam erscheinen, als träume man.

Bittere Realität allerdings sind Gestalten, die der Wahnidee verfallen, Menschen nach Hautfarben zu sortieren. Man nennt sie nicht Taxonomen, sondern gewöhnliche Rassisten. Um solche trostlosen Würstchen wegzupusten, gibt es die Banda Internationale, die seit Jahren in Dresden das Modell einer multinationalen Kapelle mit Wumms vorlebt und die am 29. März in der Milla zu hören ist. Für Klangforscher und Tönesammler bietet sich am 26. März der Besuch bei Anderson .Paak & The Free Nationals in der Tonhalle an. Das aktuelle Album des Drummers und Rappers, "Oxnard", überzeugt zwar durch eingestreuten, teils ulkig gemeinten misogynen Quark und ein paar labbrige R'n'B-Nummern nur bedingt, überrascht aber auch mit tollen Ideen, wie dem wobbeligen Wabbelbass in "Smile".