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Vorschlag-Hammer:Erinnerung und Lücken

Die jüngere Geschichte kommt in Museen zu kurz. Was Experten in Regensburg festgestellt haben, gilt auch für andere Städte

Nachholbedarf in Sachen kommunaler Erinnerungsarbeit hat jüngst ein Expertentrio der Stadt Regensburg attestiert. In den Museen mangle es nicht an Vor- und Frühgeschichte, Römerzeit, Mittelalter oder frühe Neuzeit. Aber die jüngere Geschichte, etwa die Zeit des Nationalsozialismus, käme zu kurz, fanden Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Mark Spoerer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, und Geschichtsdidaktikerin Heike Wolter im von der Stadt bezahlten Gedenkkultur-Konzept.

Angeblich waren nicht alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung erfreut über diese Erkenntnis. Zum Glück aber gibt es in Regensburg die Donumenta, jenen Kunstverein, der sich seit mehr als 15 Jahren der aktuellen Kunst aus den Donauländern annimmt, nie vor politischen Aussagen zurückscheut und freiwillig den Finger in manche Wunde legt. Nächste Woche (27.8.) eröffnet der Verein in Zusammenarbeit mit der Stadt das Danube Art Lab, eine Art Laboratorium, in dem elf Künstler an neun Orten der Stadtgeschichte nachspüren, natürlich der Römerzeit, aber auch der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Jetztzeit.

Mit dabei ist der Ukrainer Nikita Kadan, Maidan-Aktivist und Künstler der Biennale in Venedig 2015. Er hat sich mit dem Außenlager des KZ Flossenbürg im Gasthaus "Colosseum" in Stadtamhof beschäftigt. Dort waren 400 Häftlinge interniert, die täglich über die Steinerne Brücke zur Zwangsarbeit getrieben wurden. In seiner Performance The Inhabitants of Colosseum (27. 7, 20 Uhr) werden Freiwillige, nach denen er seit Wochen sucht, in Holzschuhen schweigend über die Steinerne Brücke gehen. Die österreichische Künstlerin Catrin Bolt erinnert mit ihrer Installation Bayern 1 (Flackern) an das mittelalterliche jüdische Viertel auf dem Neupfarrplatz, während sich Selma Selman aus Bosnien-Herzegowina mit einem ehemaligen Luftschutzbunker unter dem Thon-Dittmer-Palais auseinandersetzt, in dem während der Zeit des Kalten Kriegs 2000 Betten standen (weitere Infos: www.regensburg.de/museen).

Erinnerungsarbeit in Augsburg leistet die Klanginstallation der Künstlergruppe "Die Grenzlandreiter". Sie erinnern mit einem "Akustischen Denkmal für Walter Klingenbeck" an den katholischen Lehrling, der am 5. August 1943 in München wegen seines Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime hingerichtet wurde. Gemeinsam mit seinen Freunden Erwin Eidel, Hans Haberl und Daniel von Recklinghausen agierte der angehende Schaltmechaniker mit Flugblättern, Graffiti und Experimenten für einen Nachrichtensender gegen die Nazis. Der Bezug zu Augsburg ergibt sich durch den Ausstellungsort, das Kulturhaus Abraxas. Dessen Gebäude war ursprünglich ein Offizierscasino, das die Wehrmacht 1936/37 baute. Ein Täterort also, in dem jetzt an einen eher unbekannten Widerstandskämpfer erinnert wird (26.7. - 19.10., Kulturhaus Abraxas).