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Vorschlag-Hammer:Drei Ängste und ein Halleluja

Auch Künstler haben Probleme. Aber manchmal finden sie kreative Wege, sie zu überwinden

Kolumne Von Antje Weber

Diese Ausstellung beginnt mit Problemen - und das tut richtig gut. "Ahhh! Diese drei Ängste machen mir das Leben schwer", hat der Illustrator und Grafiker Christoph Niemann groß auf eine Wand im Literaturhaus schreiben lassen. Erstes Problem: "Ich bin nicht gut genug!" Zweites Problem: "Meine Arbeit ist irrelevant, und ich bin bald pleite!" Drittes Problem: "Ich habe keine Ideen mehr." Diese Ängste teilt er mit vielen Menschen - und garantiert mit fast allen, zu deren Berufsbeschreibung das Adjektiv "kreativ" gehört.

Niemann hat natürlich auch ein paar Lösungsvorschläge, einer davon lautet: "Machen!" Und zwar auch mal etwas anderes als sonst. Den Blick öffnen, experimentieren! Für Menschen, die viel lesen, bedeutet das vielleicht, zur Abwechslung Kunst anzugucken - insbesondere die sympathisch spielerische Ausstellung zu Niemann, die bis 5. Mai verlängert worden ist. Oder noch schnell in die facettenreiche Ausstellung zu Jörg Immendorff im Haus der Kunst einzutauchen, die an diesem Sonntag endet. Geistig erfrischend ist im besten Fall auch ein Theaterbesuch, zum Beispiel in den Kammerspielen. Hoffentlich steht die intelligente Roboter-Performance Unheimliches Tal bald wieder auf dem Spielplan; wie man hört, ist auch die Maschine nicht gut genug und geht ab und zu kaputt. Doch es gilt ja noch genügend anderen Experimenten nachzuspüren - und sei es nur der Frage, ob Die fabelhafte Welt der Amélie, die vom 14. Februar an in Werk 7 bezaubern soll, als Musical wohl funktioniert oder nicht. Wer eher auf isländische Skurrilität als französische Poesie steht, ist dagegen in Benedikt Erlingssons Film Gegen den Strom richtig (nur noch im Neuen Maxim, Sonntag, 12.50 Uhr, und in Umland-Kinos). Der Hauptfigur Halldóra Geirharõsdóttir als Umweltaktivistin dabei zuzusehen, wie sie vor grandios schroffer Naturkulisse im Alleingang die Welt retten will, ist so aufrüttelnd wie unterhaltsam. Unbekanntes zu entdecken, ist natürlich auch in der Literatur stets möglich: Wieso nicht die chinesische Autorin Sheng Keyi kennenlernen, die an diesem Freitag, 25. Januar (19 Uhr), im Teamtheater Salon mit Übersetzer Frank Meinshausen über Landflucht spricht?

Dies alles passt gut zum interessantesten Tipp Christoph Niemanns bei der Suche nach Ideen: "Du nimmst, was du kennst, und lässt es auf etwas los, das du nicht kennst, und dann beobachtest du, was passiert." Vielleicht wird dann, wie in seinen Arbeiten, eine Gabel zur Giraffe. Oder ein zerknülltes Stück Papier zu einer Blüte. Oder aus drei Ängsten eine Kolumne.

© SZ vom 25.01.2019
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