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Vorschlag-Hammer:Ausweichmanöver

In Zeiten, in denen alle irgendwie herumeiern und keiner weiß, wie es weitergeht, möchte man wenigstens auf der Leinwand Leute sehen, die es draufhaben

Kolumne von Josef Grübl

Es war einmal vor langer Zeit, also 1999. Da kam ein Film in die Kinos, dessen Helden so aussahen, als würden sie ständig zwischen Priesterseminar und Sadomaso-Keller hin und her pendeln. Abgesehen davon zeigten sie sich recht entscheidungsfreudig, sie konnten sogar abgefeuerten Pistolenkugeln ausweichen: Pffft, pffft, pffft - ätsch, nicht getroffen. Sie kennen den Film, er heißt "Matrix" und hatte nebenbei auch Auswirkungen auf die Sauberkeit deutscher Multiplexe: In den Jahren danach schleiften so viele Menschen ihre bodenlangen Matrix-Mäntel durch die Kinofoyers, dass Popcornbrösel wie von selbst darin verschwanden und die Kehrmaschinen nichts mehr zu tun hatten. Auch der beschriebene Ausweich-Effekt blieb nicht ohne Folgen, in Hollywood bauen sie ihn seitdem serienmäßig in ihre Filme ein. Aktuell fliegen die Zeitlupenkugeln durch den Batman-Superman-Schmarrn "Justice League" oder den neuaufgelegten Nahtodthriller "Flatliners". Das ist zwar nicht unbedingt originell, immerhin aber wirken die Filmhelden standhaft und zu allem entschlossen.

Und genau darauf kommt es an: In Zeiten, in denen alle irgendwie herumeiern und keiner weiß, wie es weitergeht, möchte man wenigstens auf der Leinwand Leute sehen, die es draufhaben - Checker, Durchzieher, Typen mit Plan A. In Sachen Planlosigkeit muss man ja gar nicht erst ins Bundeskanzleramt oder in die CSU-Zentrale schauen; es reicht völlig, bei sich selbst anzufangen. Wenn ich mir etwa meine Entscheidungen der letzten Zeit ansehe, kann ich nur mit Mühe einen Plan erkennen, es ist ein ständiges Abwägen und Verwerfen, mal mit mehr, mal mit weniger Sinn. Damit gehöre ich wohl zu dem Teil der Menschheit, die man als Ausweicher bezeichnet (mit Pistolenkugeln hat das allerdings wenig zu tun). Etwas optimistischer formuliert: Es ist nie verkehrt, einen Plan B zu haben. Klingt nicht besonders heldenhaft, schon klar, hat aber Vorteile. Denn mit einer gewissen Gelenkigkeit im Umdenken entdeckt man mehr oder verhindert zumindest Schlimmeres.

Für gestresste Großstädter ist so eine Vorgehensweise sowieso empfehlenswert; wenn nicht alle gleichzeitig mit ihrem Schädel durch die Wand wollen, lebt es sich selbst in einer vollen Stadt wie München halbwegs angenehm. Wer beispielsweise nicht bei jeder Premiere an vorderster Front dabei sein muss oder den neuen "Star Wars"-Film auch tagsüber sehen kann, hat ein deutlich entspannteres Leben. Und wer sich darüber hinaus noch für etwas anderes als Lichtschwerter und Jedi-Ritter interessiert, hat sowieso gute Karten: Mit Filmkunstperlen wie The Square, Maudie, The Big Sick, Die kanadische Reise oder The Killing of a Sacred Deer (von 28. Dezember an) weichen Sie den Sternenkriegern elegant aus. Dabei sind diese Filme keinesfalls Lückenfüller, sondern allererste Wahl.

© SZ vom 13.12.2017
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