Vor der Premiere Frisch gestrichen

Nur wenige Regisseure inszenieren heutzutage in großen, handbemalten Szenenbildern. Beim "Pinocchio" am Residenztheater aber wird das alte Theaterhandwerk regelrecht zelebriert

Von Christiane Lutz

Die Theatermaler am Residenztheater freuen sich: Beim "Pinocchio" gibt es richtig was zu tun. Das bedeutet natürlich nicht, dass Theatermaler normalerweise nichts zu tun hätten, aber oft müssen sie eben Steine aus Pappmaché nach echten Steinen, falsche Raufasertapete nach echter Raufasertapete, oder Theatersärge wie aus altem Holz geschreinert aussehen lassen. Für den "Pinocchio" aber wollte Bühnenbildner Christoph Schubiger richtig große, handbemalte Prospekte haben. Thomas Birkmeir war einverstanden. Er inszeniert am Resi die weltberühmte Fabel vom Holzpüppchen (gespielt von Philip Dechamps), das zum echten Jungen erweckt wird und seine ganz eigenen Erfahrungen des Menschseins machen muss.

Warum Bühnenbildner Schubiger so gern mit bemalten Prospekten arbeitet, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es einfach praktischer: "Wir haben bei den Familienproduktionen oft kurze Auf- und Abbauzeiten", sagt er, "die Schulen wollen ja um 10 Uhr morgens schon eine Vorstellung sehen. Mit den Prospekten kann man schneller arbeiten." Die kann man leicht hin und her tragen, zum Lagern auch mal zusammenrollen.

Auf der anderen Seite aber ist Schubiger ein Liebhaber der Theatermalerei. Er lässt sich bei seiner Arbeit aufwendig inspirieren. Für Pinocchio schaute er sich Filme von Michelangelo Antonioni und Federico Fellini an und suchte darin nach Bildern, die er auf die Bühne bringen wollte. Das Dorf, in dem Pinocchio bei Schreiner Geppetto lebt, ist Hausfassaden in Bari und Städtchen in Norditalien nachempfunden. Jedes Detail wird nach seinen Entwürfen gemalt: die offenen Elektroinstallationen an den Häusern, der Müll, der herumliegt. Und "gemalt" bedeutet tatsächlich "gemalt": Vier Theatermaler rutschen, krabbeln und steigen in Socken zweieinhalb Wochen lang über das am Boden ausgelegte Prospekt, jeder zeichnet etwas anderes. Meist stehend, mit einem langen Pinsel, weil das rückenschonender ist. Am aufwendigsten bei "Pinocchio" ist das Prospekt, das eine Jahrmarkt-Szene zeigt. Schubiger hat sich dafür als Vorbild ein altes Fahrgeschäft auf der Wiesn ausgeguckt, die "Revue der Illusionen", das er nachzeichnen lässt, inklusive barbusiger Meerjungfrau. Nur heißt es bei Pinocchio passender: "Mondo dei Miracoli", Welt der Wunder.

"Viele wissen gar nicht mehr, wie Theatermalerei eigentlich geht", sagt Christoph Schubiger bedauernd, "Dabei ist das Theater ja auch ein Ort, der altes Handwerk behüten soll." Theatermalerei gelte bei vielen Regisseuren als unmodern, zu illustrativ. Sie arbeiten lieber mit fast leeren Bühnen oder Projektionen statt echten Bildern. Der Schweizer Bühnenbildner aber hat für sich mit der Malerei eine eigene Bühnensprache gefunden. Schon für "Pünktchen und Anton", ebenfalls eine Produktion des Residenztheaters, ließ er große Szenen malen. "Ich möchte mit meinen Bildern einen Teil der Realität abbilden", sagt er, so romantisch ein italienisches Dorf sei, es liege eben auch Müll auf der Straße. "Das hat nichts mit erhobenem Zeigefinger zu tun, so ist einfach die Realität. Es gibt schöne und es gibt hässliche Häuser." Die Bilder in "Pinocchio" haben so neben einer farbenfrohen Schönheit immer auch etwas Unheimliches - wie die Geschichte von Pinocchio eben auch.

Pinocchio, Samstag, 14. November, 16 Uhr, Residenztheater, Max-Joseph-Platz 1