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Volkstheater:Bilderrausch mit leichtem Kater

Hier leider mit Hose: Max Wagner, der den Caligula spielt.

(Foto: Arno Declair)

Lilja Rupprecht inszeniert am Münchner Volkstheater "Caligula" von Albert Camus

Von Egbert Tholl

Der Anfang ist ganz kühl, konzentriert, reine Sprache, aber erfüllt von Leben. Fünf Patrizier stehen vor einem schwarzen Vorhang und mutmaßen, wo der Kaiser sein könnte. Und was es bedeutet, dass niemand weiß, wo der Kaiser steckt. Ist es nur die Liebe, die ihn umtreibt? Seine Schwester Drusilla ist gestorben, er hat sie geliebt, bedeutend mehr geliebt, als unter Geschwistern erlaubt ist. Die Fünf diskutieren also, nähern sich scheu dem Nachdenken über die Möglichkeit eines Staatsstreichs an. Neben ihnen steht Helicon, der Zuhörer, der Zyniker, der Skeptiker. Alles schönste Rhetorik.

Auch wenn hier einiges los ist: "Caligula" von Albert Camus ist eine auf verschiedene Rollen verteilte Abhandlung über Macht und Identität, mit viel toller Sprache, der zuhören wirklich aufregend ist, die man aber heute sorgfältig auskämmen muss. Das tut Lilja Rupprecht auch, die das Stück, das merkt man der Aufführung an, in einem wilden Proben-Furor auf die Bühne des Volkstheaters gebracht hat. Rupprecht ist eine Virtuosin der Mittel. Das Problem dabei ist nur: Was sie mal erfunden hat, kann sie nicht mehr hergeben.

Der Anfang ist grandios. Noch während der Verhandlungen der Patrizier scheint Caligulas Körper durch den Vorhang - die Aufführung ist auch ein beieindruckendes, immerwährendes Lichtspiel von Günther E. Weiß. Dann sieht man ihn, den Kaiser. Und er sieht aus, als habe ihn Michelangelo dort hingestellt. Max Wagner ist nackt, von unten bis zur Taille mit Schlamm bespritzt. Caligula wollte den Mond fangen, das einzige, was er noch nicht besitzt, und hat sich dabei schmutzig gemacht. Was nun anhebt, ist ein fantastisches Flirren, begleitet von karger Geige. Caligula huscht durch die Türen des Palazzos, der schon bessere Tage gesehen hat, huscht vor sich selbst davon, wie auch die Suche nach dem Mond nur eine Idee der Selbstüberlistung war. Wagner spielt ihn ein bisschen verträumt, sehr freundlich, auch später noch, wenn es ans Morden geht. Dieser Kaiser spielt verschiedene fixe Ideen durch, weil er es kann, weil er der Herrscher ist, und einer hört ihm aufmerksam zu, Jean-Luc Bubert, der den Helicon spielt. Helicon versteht Caligula, mit emphatischer Klugheit. Noch eine versteht ihn, weil sie ihn liebt, Caesonia, von Constanze Wächter gespielt, auch ganz toll, sehr eigen, selbstbestimmt.

Doch dann verschwinden auch diese beiden, nach dem langen, grandiosen Weltklassebeginn in einem Jahrmarkt der Bilder und der Musik. Die Patrizier werden zu Kasperln, das ist kurz noch wahnsinnig gut, dann aber suppt alles zusammen, jedes Mittel hebt das nächste auf, die Trennschärfe zwischen den Figuren, gerade was Helicon und Caesonia betrifft, geht verloren, jedes gesprochene Argument wird hohl und dann ist es vollkommen wurscht, welches Zeichen auf der Bühne gerade wichtig ist. Schade.

© SZ vom 02.05.2015
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